Journalismus : Freund oder Feind

Das US-Militär will einen AP-Fotografen anklagen. Der Sunnite wird verdächtigt, mit Aufständigen gemeinsame Sache zu machen und die Nachrichtenagentur unterwandert zu haben.

Christoph von Marschall[Washington]

Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit. Diese Regel bestätigt sich auch im Irak. Die Medien werden von allen Seiten mit Propagandalügen bearbeitet. Neue Methoden wie das „Embedding“, bei dem unabhängige Journalisten während der Invasion in die vorrückenden Einheiten eingegliedert wurden, führten nicht unbedingt zur versprochenen authentischeren Information über das Geschehen.

Der Fall des irakischen Fotoreporters Bilal Hussein zeigt nun, wie sehr im Alltag von Besatzung und Widerstand auch die Wahrheit, wer Freund ist und wer Feind, verschwimmen kann. Hussein, 36, arbeitet für die amerikanische Nachrichtenagentur AP. Doch seit 19 Monate sitzt er in Haft, weil die US-Armee in ihm ein Sicherheitsrisiko sieht. Sie verdächtigt den Mann, der aus einem angesehenen Clan im sunnitischen Dreieck kommt, mit Aufständischen unter einer Decke zu stecken und die AP unterwandert zu haben.

Der Fotoreporter ist seit Sommer 2004 bei der AP beschäftigt. Damals begannen auch die Sprengstoffanschläge gegen die im Irak stationierten US-Einheiten – mit fatalen Folgen: Amerikanische Soldaten wurden verwundet, viele starben. Gleichzeitig konterkarierten die Nachrichten und Bilder von diesen Explosionen die Lesart der Bush-Regierung von einer siegreichen US-Armee, die den Irak unter dem Jubel der einheimischen Bevölkerung von einem verhassten Diktator befreit.

Kurz nach einem solchen Anschlag wurde Hussein im April 2006 in seiner Wohnung in Ramadi, einem Hauptwiderstandsgebiet, mit anderen angeblich Verdächtigen festgenommen, samt Laptop, Satellitentelefon und weiterem Beweismaterial. Er sagt, er habe mit der Explosion nichts zu tun gehabt, sei zufällig in der Nähe gewesen, habe in seiner Wohnung Schutz gesucht und ihm Unbekannten ebenfalls Zuflucht gegeben. Das Militär behauptet, es sei auffällig, dass Hussein mehrfach nach Anschlägen rasch zum Fotografieren am Tatort war, das lasse Insiderwissen vermuten. Die AP bestreitet das, allerdings mit einer dehnbaren Formulierung: „Der Großteil der Bilder, die Hussein für uns machte, hatte nicht Aufstandsaktivitäten zum Motiv, sondern Detailaufnahmen nach Anschlägen und das Alltagsleben von Irakern im Kriegsgebiet.“

AP will nun wissen, warum Hussein mehr als anderthalb Jahre ohne Anklage und ohne die Vorlage von Beweisen gefangen gehalten wird. Hussein sei nichts weiter als ein guter Fotograf und habe sich „wie ein normaler Journalist im Kriegsgebiet verhalten“. 2005 erhielt er mit seinem Team sogar den Pulitzerpreis. Anwalt Paul Gardephe, ein ehemaliger US-Staatsanwalt, untersucht den Fall im Auftrag der AP und soll die Vorwürfe widerlegen – viel Aufwand für die Verteidigung eines Mitarbeiters. Freilich kämpft die weltweit agierende Nachrichtenagentur gleichzeitig um ihren Ruf. Sollte sich herausstellen, dass die Anschuldigungen des Militärs gegen Hussein stimmen und die AP einen Mitarbeiter beschäftigt, der sich an Mordplänen gegen US-Soldaten beteiligte und Bilder davon über ihr Netz verbreitete, wäre das eine Katastrophe für das Ansehen von AP.

Für Außenstehende ist es bisher unmöglich, sich ein unabhängiges Urteil zu bilden. Das US-Militär behauptet, es habe jetzt unumstößliche Beweise beisammen und übergebe den Fall an die irakische Justiz. Die soll am 29. November entscheiden, ob ein offizielles Strafverfahren eröffnet wird. Würde Hussein die Verwicklung in Anschläge nachgewiesen, droht ihm die Todesstrafe. Doch selbst wenn keine Anklage erhoben oder er freigesprochen wird, könnte er in Haft bleiben. Dafür reicht allein der Beschluss, dass er ein Sicherheitsrisiko sei. AP-Chef Tom Curley hofft, dass der Prozess Husseins Gefangenschaft beendet. Zugleich fürchtet er um die Grundrechte seines Mitarbeiters. Die Verteidigung habe die Anklage bisher nicht zu sehen bekommen und könne sich nicht auf den Prozess vorbereiten.

Behauptung steht gegen Behauptung. Ein Prozess kann die Beweislage klären. Doch die Wahrheit bleibt vielleicht auf der Strecke

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