Journalismus : "Gebt keine Interviews"

Journalisten aus dem Westen gehören zum neuen Feindbild vieler Chinesen - deren Stolz wurde durch die vermeintlich einseitige Berichterstattung verletzt. Die Arbeit deutscher TV-Korrespondenten in China hat sich erheblich erschwert.

Sonja Pohlmann
Fackellauf
Unerfreuliche Szenen des Fackellaufs, wie hier in Paris, haben den Stolz vieler Chinesen verletzt. -Foto: AFP

Pia Schrörs baute ihre Kamera vor einem Ausgang der Pekinger U-Bahn auf, machte das Mikrofon aufnahmebereit und fragte vorbeikommende Chinesen, ob sie ihr sagen könnten, was sie von den Protesten rund um den Olympischen Fackellauf halten. Die Antwort war fast immer die gleiche: Für die Proteste haben wir kein Verständnis. Wir lassen uns dadurch die Olympischen Spiele nicht verderben. Die Spiele werden ein Erfolg. Freundlich seien die Chinesen dabei geblieben, sagte Schrörs am Donnerstag dem Tagesspiegel – dabei gehört die 31-Jährige, die als China-Korrespondentin für die Sender der RTL-Gruppe arbeitet, zum neuen Feindbild vieler Chinesen.

Bis vor kurzem wurden Journalisten aus Deutschland in China noch geschätzt. Nun stehen sie im Mittelpunkt einer regelrechten Kampagne der chinesischen Medien gegen westliche Journalisten. Im Fernsehen laufen Sondersendungen darüber, wie einseitig und falsch die West-Medien über China, den Tibet-Konflikt und den Fackellauf berichten. Im Internet wurden Telefonnummern und Privatadressen westlicher Journalisten veröffentlicht – mit dem Aufruf, sie zu beschimpfen. So fand ZDF-Korrespondent Johannes Hano sein Bild und das orange Logo seines Senders plötzlich auf der Internetseite www.anti-cnn.com wieder, mit der Aufforderung: Gebt keine Interviews, wenn dieser Mann oder das Logo auftauchen.

Der Grund für diese Kampagne: Auch deutsche Medien haben angeblich falsch berichtet. Nepalesische Soldaten, die auf Tibeter einschlugen, wurden beispielsweise als Chinesen bezeichnet. Auch RTL zeigte auf seiner Homepage ein Bild mit dieser falschen Unterschrift, der Sender hat sich sofort entschuldigt. Auf anti-cnn.com werden Fehler wie diese weiterhin als Beispiele für die falsche Berichterstattung dokumentiert – angeblich von einem chinesischen Studenten. „Dass andere Medien nicht sauber gearbeitet haben, ist für uns ein großes Problem. Jetzt hat die Regierung etwas in der Hand, um gegen alle westlichen Medien zu hetzen“, sagt Hano. „Für die Regierung eine willkommene Möglichkeit, vom eigenen Versagen abzulenken.“ Die Bevölkerung solle durch solche Kampagnen auf Regierungslinie gehalten werden. „Dass die Menschen den Aufforderungen folgen, kann ihnen nicht vorgeworfen werden“, sagt RTL-Frau Schrörs. Chinesen aus ärmeren Schichten hätten kaum andere Möglichkeiten, als sich aus den von der Regierung gelenkten Medien zu informieren.

Jochen Graebert, ARD-Korrespondent in Peking, verweist auf einen weiteren Aspekt: „Die Chinesen sind sehr stolz, die Olympischen Spiele zu präsentieren und somit auf die Bühne der Weltöffentlichkeit zu treten“, sagt er. „Dass so kritisch hingeschaut wird, war nicht eingeplant. Sie sind schockiert, fürchten um ihren Erfolg und reagieren mit Wut und Trotz.“

Sein ZDF-Kollege Johannes Hano war kürzlich Gast in einer chinesischen Talkshow und versuchte einem chinesischen Journalisten zu erklären, dass Pressefreiheit für westliche Medien heißt, „auch auf die kritischen Seiten hinzuweisen und die Mächtigen zu kontrollieren“. Der Journalist erwiderte, dass der Schwerpunkt der chinesischen Medien auf Propaganda liege – wobei Propaganda als etwas Positives gilt.

Hanos Foto ist mittlerweile von der Internetseite verschwunden. Doch wie auch seine Kollegen von RTL und der ARD ist er in seiner Arbeit als Journalist eingeschränkt – obwohl seit Januar 2007 die Regeln für ausländische Journalisten eigentlich verbessert wurden. Sie müssen keine offiziellen Anträge mehr stellen, wenn sie Interviews mit Chinesen führen möchten und haben keinen Begleiter mehr an ihrer Seite – zumindest keinen offiziellen. „Auf Drehreisen verfolgen uns fast immer Mitarbeiter der Staatssicherheit“, sagt Graebert. Auch im Büro und in der Wohnung gehen viele Korrespondenten davon aus, abgehört zu werden. Ihre Sorge gilt allerdings einheimischen Interviewpartnern. Graebert war neulich mit einem chinesischen Kollegen verabredet, der über seine regierungskritischen Recherchen berichten wollte. Plötzlich sei ein Schlägertrupp aufgetaucht. „Zum ersten Mal hatte ich hier Todesangst“, sagt Graebert, der sich als westlicher Journalist in China eigentlich relativ sicher fühlt. Er vermutet dahinter einen Einschüchterungsversuch. Später sagte ihm sein chinesischer Kollege: „Ohne Euch wäre ich jetzt ein toter Mann.“

Dass die Abneigung der Chinesen gegen westliche Journalisten bald abflaut, glaubt Graebert nicht. Zu sehr sei ihr Stolz durch die vermeintlich einseitige Berichterstattung verletzt. Die chinesische Regierung werde mit der Kampagne gegen die West-Medien spätestens zu Beginn der Olympischen Spiele aufhören, meint Hano: „Sie brauchen die Medien, auch die westlichen, um die Spiele und das Land so positiv wie möglich zu verkaufen.“

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