Journalismus : Volle Reform voraus

Der neue „AZ“-Chef Makowsky soll das Münchner Boulevardblatt retten. Überall in Deutschland hat die Boulevardpresse mit sinkenden Auflagen zu kämpfen

Tim Klimeš
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Arno Makowsky glaubt, dass München den idealen Nährboden für Boulevard bietet. -Foto: ddp

Es sind die bedeutungsvollen Worte, die an Bedeutung verlieren, wenn man sie nur zu oft benutzt. Held ist so ein Wort, Tragödie. Oder Krise. „Die Boulevardzeitung steckt in der Krise“, hieß es im Jahr 1996. Alles spreche dafür, dass sich „dieses traditionsreiche Medium schon bald verändern wird. Verändern muss.“ Damals klang es so, als müsse sofort gehandelt werden. Volle Reform voraus. Es passierte aber nichts. Eine Krise also? Heute, elf Jahre später, beschwichtigt der Autor. Zumindest untergegangen sei die Boulevardzeitung nicht. Doch verändern, sagt Arno Makowsky, müsse sich das Traditionsmedium wie nie zuvor.

Die Gründe sind offensichtlich: Allein bei der „Bild“-Zeitung, Europas größtem Boulevardblatt, ist die bundesweit verkaufte Auflage in den vergangenen zehn Jahren um rund 1,15 Millionen Exemplare geschmolzen, knapp 25 Prozent. Auf dem Münchner Boulevardmarkt, einem sonst dankbaren Nährboden für ausgereifte Klatschgeschichten, ist der Absatz der „Bild“-Regionalausgabe im gleichen Zeitraum um knapp 33 000 gesunken, heute gehen täglich rund 130 000 Exemplare am Kiosk weg. Auch die Lokalkonkurrenz der Münchner „Abendzeitung“ (AZ) verkauft heute nur noch 136 000 Exemplare, ein Minus von rund 20 Prozent. Beim Platzhirschen „tz“ aus dem Verlagshaus Dirk Ippen ist der Auflagenschwund deutlich geringer, aktuell werden 151 000 Exemplare vertrieben.

Der Trend gibt Arno Makowsky recht. Trotzdem oder gerade weil sich nichts geändert hat, wechselt der Ressortleiter für Gesellschaft und Panorama der „Süddeutschen Zeitung“ im März 2008 in die eigens analysierte Problemwelt: ins Boulevard, zur Münchner „Abendzeitung“, als Chefredakteur. Zu einem Medium, das sich verändern wird? Verändern muss? Für Makowsky liegt einer der Fehler des Print-Boulevards im Stillstand. „Andere Medien haben sich gewandelt, und zwar hin zum Boulevard. Was wir heute im Panorama der ‚Süddeutschen Zeitung‘ machen, das hätte noch vor einigen Jahren als Untergang des Abendlands gegolten.“

Michael Haller, Professor für Journalistik an der Universität Leipzig, sieht das Problem woanders. Für Haller krankt der Boulevardjournalismus vor allem am fortwährenden Glauben, „mit Tabubrüchen wie ‚Sex and Crime‘-Geschichten Aufmerksamkeit zu generieren“. Dabei könnten das das Fernsehen und inzwischen auch das Internet viel besser. Hallers Erfolgsrezept für gute Zeitungs-Klatschberichterstattung: „Unglaubliche, aber dennoch Existenzfragen berührende Geschichten gut erzählen!“

Arno Makowsky wird im März 2008 der dritte Chefredakteur innerhalb von acht Jahren, der dieses Rezept bei der „Abendzeitung“ anwenden kann. Als letzter vermeintlicher Retter musste Michael Radtke den Chefsessel räumen, aufgrund „unterschiedlicher konzeptioneller Vorstellungen“, wie es hieß. „Die ‚Abendzeitung‘ hat München vernachlässigt“, sagt Makowsky. Das sei einer der Fehler des Blattes gewesen. Immerhin sei es die große Aufgabe der Boulevardzeitungen, sich der lokalen Berichterstattung anzunehmen. Das gelte gerade für die „Abendzeitung“, die, wie Makowsky betont, „ganz ursächlich etwas mit München zu tun hat“. Die damals, 1986, als Vorlage für Helmut Dietls TV-Satire „Kir Royal“ herhalten musste. Herhalten konnte. Diese Zeiten sind lange vorbei.

Natürlich habe sich auch die Gesellschaft, aus der der Boulevard berichtet, gewandelt, sagt Makowsky. „Die Promipartys, wo Sophia Loren die Blicke auf sich zog, werden immer öfter von sogenannten Events abgelöst.“ Aus Makowskys Mund klingt Event wie lästige Zeitverschwendung. Trotz der veränderten Bedingungen müsste ein Boulevardblatt in der Landeshauptstadt versuchen, „dieses glitzernde München-Gefühl“ wieder einzufangen. Es wäre noch etwas übrig davon, glaubt Makowsky, wenn auch wenig und mit einer anderen Art von Glitzer. Aber der neue Chefredakteur will es wieder einfangen.

„Makowsky muss der ‚Abendzeitung‘ einen Richtungswechsel verordnen“, sagt Michael Haller. Die Boulevardblätter müssten aufhören, gedrucktes Fernsehen zu versuchen. Makowsky will die gesellschaftliche Berichterstattung dann auch mit einem zwinkernden Auge betrachten. „Der Tonfall muss ironisch werden“ – dieses Vorhaben wirkt wie ein Schutzwall gegen all die Events mit Bohlen, Bogner und Becker. Es war vor knapp drei Jahren, als Arno Makowsky sein eingangs zitiertes Boulevardstatement von 1996 auffrischte. In einem Text für die „ Zeit“ hob er die besondere Stellung Münchens im Klatschgeschäft hervor. Noch immer funktioniere in keiner Stadt das Zusammenspiel zwischen Stars und Medien zur gegenseitigen Vorteilnahme besser. Das wird einer der Sätze sein, die der designierte „AZ“-Chef dieser Tage wieder gerne liest.

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