Medien : Journalisten müssen draußen bleiben

Die Medien haben Gerhard Schröder groß gemacht. Und wieder klein. Der neue SPD-Chef Müntefering wird die Uhr zurückdrehen wollen

Norbert Seitz

Bei Franz Münteferings kategorischem „Schröder ist Kanzler, bleibt Kanzler“ dürfte sich mancher Kenner der Bonner Republik an Barzels Klassiker „Erhard ist und bleibt Kanzler“ erinnert fühlen. Nun mag der designierte SPD-Chef keinen Dolch im Gewande führen wie weiland der Fraktionschef der Union, der sich für Adenauers einzig legitimen Nachfolger hielt. Dennoch bewies der getreue Franz mit seinem beschmunzelten Spruch, dass auch das gut Gemeinte stets rhetorisch passend transportiert sein will.

Mit ihm an der Spitze bricht für die Medien die dröge Zeit der gestanzten Hauptsätze an. Als unerschrockener Kommentator von nicht enden wollenden Hiobsbotschaften übertraf er im Wahljahr 2002 – vom Kölner Bestechungsskandal bis zu den düsteren Nürnberger Zahlen – alle Durchhalterekorde im unverdrossenen Muntermachen vor Mikrophonen und Kameras. Nur einmal schienen auch bei ihm die Nerven blank zu liegen, als er wegen der miles & more- Affäre gegen „Bild“ zu klagen begann.

Womit also müssen die Medien unter dem neuen SPD-Vorsitzenden rechnen? Zunächst einmal, dass Müntefering seine Partei aus den Schlagzeilen holt, indem er die „Schotten dicht“ zu machen versucht und den „Wegelagerern“ keine dissonanten Schnitte mehr gönnt. Dies setzt freilich voraus, dass er den Heerscharen von Neujustierern und Nachbesserern den „Saft abdreht“, die im Willy- Brandt-Haus derzeit auf der Matte stehen, um der Agenda 2010 eine Ausbildungsabgabe zu verpassen oder die Praxisgebühren abzukassieren. Als eine Vorlage in Sachen Repression dürfte dem neuen Vorsitzenden der einst zum Medienfeind mutierte Oskar Lafontaine dienen, der als SPD-Chef die Wochenendinterviews seiner Vorstandsmitglieder zu sammeln pflegte, um sie montags früh, in der Runde zitierend, mit sarkastischen Kommentaren und oberlehrerhaften Rüffeln zu versehen.

Und der künftige Generalsekretär? Mit Klaus Uwe Benneter scheint der frühere Medienkanzler seinen abtrünnigen Medien ein weiteres Schnippchen schlagen zu wollen, wenn es um die Partei geht. Einst als lautstarker Outsider geschasst, hatte der Berliner Sozialdemokrat nach seiner Rückkehr mehr mit dem Nachweis seiner unauffälligen Linientreue zu tun. Aus dem einst so interviewfreudigen Juso-Vorderen, den sie vormals wie im Stadion mit „Uwe, Uwe“- Rufen empfingen, ist inzwischen ein Hinterbänkler geworden und kein Talkshow bewährter Meinungsführer oder Kommunikator. Aber ist dieser Typus in der Situation der SPD überhaupt gefragt? Der Spott in der Hauptstadt, Benneter könne nunmehr die Skatrunde mit Laurenz Meyer und Cornelia Pieper vervollständigen, beweist doch nur, dass es auf einen Generalsekretär kaum noch anzukommen scheint.

Erwartet uns also eine neue Arbeitsteilung aus einer im Stillen malochenden Parteiführung und einem wieder besser aufgelegten und weniger missmutig dreinblickenden Kanzler, der sich erneut aufs gouvernementale Brillieren kaprizieren möchte? Skepsis ist angebracht, die Verhältnisse sind äußerst kompliziert. Den Ruf des Medienkanzlers hatte sich Schröder zu Beginn seiner Regentschaft über eine „neue Responsivität" erworben, das heißt: direkter zu handeln als sein Vorgänger Kohl oder häufig mit populären Machtworten zu reagieren. Außerdem beherrschte er die Inszenierung. Doch das Bild des Medienprofis bekam erste Kratzer ab, als sich missverständliche Parolen wie die von der „ruhigen Hand“, der „uneingeschränkten Solidarität“ oder vom „deutschen Weg“ selbstständig machten und für erheblichen Verdruss sorgten. Einem in knappen, präzisen Statements geübten Interviewmenschen hätte das nicht passieren dürfen. Seit dem Wahljahr 2002 sieht ein enttäuschter Kanzler die Medien auf neoliberaler Wellenlänge gegen sich arbeiten. Dass sein überraschender Sieg im Wahl-Finish auch als Niederlage der Medien gedeutet wurde, hat der angespannten Beziehung sicher mehr geschadet als genutzt. Seither empfindet er das Verhältnis als das eines dauernd einseitig gebrochenen Waffenstillstandes. Was die „Bild“ angeht, sieht er sich als Kampagnenopfer. Dennoch vermag der Nimbus des großen Inszenators der Opposition hin und wieder noch Angst und Schrecken einzujagen, wie in der entscheidenden Nacht im Vermittlungsausschuss, als die Union nichts mehr befürchtete als einen instinktsicher auf den Plan tretenden Kanzler, der – wie einst bei Holzmann – mit einem Siegerlächeln die Einigung verkündet.

Früher galt noch als ausgemacht, dass die Medien Schröder jene Bedeutung und jenen Einfluss verliehen, die ihm die Partei stets verweigerte. Trotz seiner willkommenen Ausputzer im Willy-Brandt-Haus wird sich der Kanzler seinerseits um ein entschärftes Verhältnis zu den Medien bemühen müssen. Denn auch hier gilt Oskar Lafontaine parteiintern als abschreckendes Beispiel, nachdem er als gestrauchelter Medienliebling mit dem Landespresserecht an der Saar herumhantiert hatte .

Der Autor ist verantwortlicher Redakteur der „Frankfurter Hefte“.

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