Jubiläum : 13 Jahre Einsamkeit

Jürgen Domian ist der Nachtfalke unter Deutschlands Fernsehtalkern. Mit fremden Menschen zaubert er die seiner Sendung eigene Atmosphäre herbei und teilt ihre intimsten Gedanken.

Yoko Rückerl
Domian
Der Anrufbeantworter. Jürgen Domian -Foto: WDR

An den Erfolg hat keiner geglaubt. Damals, als die Sendung am 28. März 1995 startete. Wie auch, das Konzept für „Domian“ schien zu simpel: Ein Mann sitzt an einem Schreibtisch, telefoniert eine Stunde lang mit fremden Menschen und wird dabei in nur einer Kameraeinstellung gefilmt. Preiswerter kann Fernsehen nicht produziert werden, unaufgeregter auch nicht. Ein konkurrenzloses Fernsehphänomen: Jürgen Domian und sein bimedialer Talk „Domian“, montags bis freitags um ein Uhr nachts im WDR-Fernsehen und bei Radio Eins Live.

Domian hört sich Sorgen, Nöte und Absurditäten seiner Anrufer an, und er versucht zu beraten. Geschätzte 18 000 Telefonate habe er in seiner Sendung schon geführt. Im Durchschnitt sehen ihm dabei 180 000 Zuschauer zu, rund 15 000 Anrufer versuchen pro Ausgabe durchzukommen. „Domian ist für mich jede Nacht gelebte moderne Literatur“, schreibt Ulrich Wickert im Klappentext von „Der Tag an dem die Sonne verschwand“, dem Buch des Nacht-Talkers.

Jürgen Domian kann sich seine Monopolstellung nicht erklären. Vielleicht liegt es daran, weil nur ganz wenige diese intime Atmosphäre mit eigentlich fremden Menschen herbeizaubern können. Die sonore Stimme des 51-Jährigen signalisiert: „Ich bin da, ich bin dein Freund, rede erst mal.“ Er löst sich von seiner Moderatorenrolle und spricht mit dem Anrufer auf Augenhöhe. Es sei aber auch die Nacht, die ihm dabei helfe, Menschen gesprächiger zu machen, nichts lenke von Problemen ab. Vor Tausenden von Mitzuhörern erzählen ihm seine Anrufer von Seitensprüngen, ihren Krankheiten, einer berichtet, dass er gerne Sex mit Hackfleisch hat. Nicht selten gerät Domian dabei in eine juristische Grauzone. Einmal gestand ihm ein tablettenabhängiger Zivildienstleistender, dass er Menschen im Altersheim anstatt Medikamenten Placebos geben würde. „Bei solchen Fällen benachrichtigen wir die Polizei“, sagt Domian. „Oft hören Beamte auf Streife die Geschichten auch selbst im Radio.“

Das Wichtigste in seinem Beruf sei Intuition und Fingerspitzengefühl. „Zuhören schafft Vertrauen“, sagt der Moderator, der in Köln Germanistik, Politikwissenschaften und Philosophie studierte. Domian beherrscht das „Zwischen-den- Zeilen-Lesen“ und macht trotzdem Fehler. In einem Fall drohte ein Mann, dem sexuellen Peiniger seines Bruders etwas anzutun, sobald dieser aus dem Gefängnis kommt. „Ich reagierte anfangs zu lasch“, sagt Domian. Er rief nochmal an und brachte den Mann von seinem Vorhaben ab. 2003 erhielt er für sein Engagement das Bundesverdienstkreuz.

Wie sieht einer die Menschen, der in so viele Abgründe geblickt hat? „Mein Menschenbild ist schlechter geworden“, sagt er. „Ich sage das nicht mit Bestürzung, ich sehe das nüchtern.“

Früher sei er viel blauäugiger gewesen, hat nach der Sendung die mit den schlimmsten Schicksalen nochmals angerufen. Wenn er den Kontakt wieder einstellen wollte, reagierten die Leute beleidigt. „Das frisst dich auf“, sagt er. Mit der Zeit entwickelte er eine Professionalität, auch bestürzende Themen nicht mehr so nahe an sich heranzulassen. Anders sei es zum Beispiel gar nicht möglich, einen jungen, leukämiekranken Mann beim Sterben zu begleiten.

„Nein“, sagt Domian auf die Frage, ob sich die Probleme der Menschen in den letzten Jahren verändert hätten. Die meisten rufen noch immer wegen Einsamkeit, Liebeskummer und Krankheiten an. Aber immer weniger Menschen würden von außergewöhnlichen Sexpraktiken erzählen – dafür gibt es heute Internetforen. „Durch das Internet sind aber noch weitere Süchte wie die Computerspielsucht dazugekommen“, sagt Domian. „Und die Einsamkeit der Menschen ist größer geworden.“ Das ziehe sich durch alle Altersgruppen und soziale Schichten. „Ob arm, reich, jung, alt, gebildet oder ungebildet, es gibt so viele Menschen, die keinen Ansprechpartner, keine Freunde haben.“ Heute gehe es vor allem darum, seine Interessen zu verfolgen und Spaß zu haben. „Wir leben in einer hochgezüchteten, egomanischen und narzisstischen Welt.“

Wenn seine Anrufer trauern, leitet Domian sie nach dem Gespräch oft an einen Pfarrer weiter. Er ist kein Christ, bedauert aber, dass die Kirche bei jungen Leuten an Ansehen und Einfluss verloren hat. „Die Grundwerte des Christentums, Nächstenliebe und Bescheidenheit zum Beispiel, sind für mich wegweisend.“ Fehlt uns heute eine moralische Instanz? „Ja“, sagt Domian. „Als ich 20 war, guckten wir auf Heinrich Böll und Willy Brandt. Heute orientieren sich Jugendliche an Leuten wie Dieter Bohlen.“

„Domian“, ab 31. März wieder um ein Uhr nachts im WDR-Fernsehen und bei Radio Eins Live.

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