Jubiläum beim deutschen "Rolling Stone" : Mehr als Musik

Es gibt sie noch, die guten Dinge: Der deutsche „Rolling Stone“ feiert seine 200. Ausgabe. Zur Leser-Blatt-Bindung gibt's Festivals mit Kinderbetreuung.

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Ausnahme. Das aktuelle Cover ziert ein Porträt der Soulsängerin Adele. Foto: Promo
Ausnahme. Das aktuelle Cover ziert ein Porträt der Soulsängerin Adele. Foto: Promo

Das Cover der 200. Ausgabe des deutschen „Rolling Stone“ ziert ein Porträt der 23-jährigen Soulsängerin Adele – bemerkenswert, denn zeitgenössische, weibliche Pop-Acts stellen die Ausnahme dar in einem Magazin, das einen eher männlichen Blick auf die Rockmusik und ihre Geschichte wirft. Das spiegelt sich auch im parallel erscheinenden Sonderheft zum Jubiläum: Auf 116 Seiten mit den „besten Geschichten aus 200 Ausgaben“ findet man kein einziges weibliches Thema. Keine PJ Harvey, keine Amy Winehouse, keine Beth Ditto, nicht mal eine der großen alten Damen wie Patti Smith oder Marianne Faithfull ist dabei – ein pop-emanzipatorisches Armutszeugnis.

Dennoch hält man ein kurzweiliges Lesebuch über 17 Jahre Popgeschehen in der Hand, das die Stärken des „Rolling Stone“ verdeutlicht: sorgfältig recherchierte Porträts und Reportagen, originelle Interviews, anrührende Nachrufe, Rezensionen herausragender Platten, alles illustriert mit hochwertigen, nicht selten ikonischen Fotografien. Besonderes Augenmerk legen die Macher auf außermusikalische Themen, was in Texten über Karl Lagerfeld, Philip Roth, Neo Rauch oder Wim Wenders seinen Niederschlag findet.

Der deutsche „Rolling Stone“ (kurz: RS) entstand 1994, als der heimische Musikzeitschriftenmarkt recht übersichtlich war. Es gab natürlich die „Bravo“ für die popkulturelle Früherziehung, dazu den „Musikexpress“ für Allround-Hörer und die „Spex“ für den distinguierten Indierock-Fan. Und Spartenzeitschriften für Techno, Hip-Hop oder Heavy Metal.

Themen und Gestaltung des „Rolling Stone“ richteten sich dezidiert an eine bis dahin vernachlässigte Klientel: den solventen, historisch vorgebildeten Rockliebhaber fortgeschrittenen Alters. Schon durch die Übernahme des seit über 40 Jahren nur marginal veränderten Logos der amerikanischen Mutterzeitschrift stellte die deutsche Lizenzausgabe eine Kontinuität zur kanonischen Ära der Rockmusik her. Die Zeit zwischen 1965 und 1975 dominiert nicht nur „RS“-Publikationen wie „Die 500 besten Alben aller Zeiten“. Ihre Protagonisten machen auch den Löwenanteil der Heftthemen und Titelbilder aus. So waren allein die Rolling Stones oder eines ihrer Mitglieder seit 1994 immerhin 13 Mal auf dem Titel; erstaunlich für eine Band, die in dieser Zeit ganze drei Alben herausgebracht hat.

Die Konzentration auf die Klassiker wird auf den Leserbriefseiten immer mal wieder kontrovers diskutiert, trägt aber zur Identifikationsbildung bei. Die Leserschaft honoriert Kompetenz und Kontinuität eben mehr als Aktualität und Trendberichterstattung und freut sich noch über das allerletzte Interview mit John Lennon, das 16-Seiten-Dossier zu Bruce Springsteen oder die Jubelrezension der Luxus-Neuausgabe von „Exile on Main Street“. In diesen Kreisen wird Musik noch gekauft, und zwar bevorzugt wieder als Vinyl, nachdem der Reinklangfetischismus des CD-Zeitalters ideologisch längst entsorgt wurde, wozu die seit 14 Jahren jedem Heft beiliegende Gratis-CD einen Widerspruch darstellt.

In Zeiten kontinuierlich sinkender Auflagen – die monatlichen Verkäufe sind im ersten Quartal 2011 gegenüber dem Vorjahr um elf Prozent auf gut 56 000 Exemplare zurückgegangen – versucht der „RS“ durch Veranstaltungen wie den „Rolling Stone Weekender“, einem Indoor- Festival an der Ostsee, bei dem Hotelübernachtungen und Kinderbetreuung mitorganisiert werden, die Leser-Blatt-Bindung zu stärken. Mit Erfolg: Bei seiner zweiten Auflage war das Festival 2010 ausverkauft. Es waren sogar Frauen auf der Bühne.Jörg Wunder

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