Jubiläum : Neue Heimat

Die „Hürriyet“ ist die meistgelesene Tageszeitung der Türkei – aber nicht nur dort: Nun wird sie 60 und auch für Deutschland ist dies ein denkwürdiges Datum.

Faruk Sen
Hürriyet Foto: dpa
Oft auch umstritten. Die "Hürriyet" will in erster Linie Auflage machen, dann erst Integration fördern. -Foto: dpa

Am 1. Mai feiert die meistgelesene Tageszeitung der Türkei, die „Hürriyet“ (übersetzt: „Freiheit“), ihren 60. Geburtstag. Auch für Deutschland ist dies ein denkwürdiges Datum, wird das Blatt doch seit 1965 auch in der Bundesrepublik verkauft. Seit 1973 existiert eine eigene Europaausgabe der Zeitung, mit einer Auflage von 40 000 Exemplaren, die zum überwiegenden Teil Leser in Deutschland erreichen. Damit ist die „Hürriyet“ die meistgelesene Zeitung in der hiesigen türkischen Bevölkerungsgruppe – und zugleich dasjenige Blatt, auf das sich die Kritik der deutschen Seite an vermeintlichen medialen „Parallelgesellschaften“ konzentriert. Dabei ist die „Hürriyet“ ungeachtet ihrer Auflagenstärke nur eine von zwischenzeitlich bis zu neun in Deutschland erhältlichen türkischen Zeitungen mit eigenen Europaausgaben.

Die „Hürriyet“ gehört seit 1994 zur Aydin Dogan Holding, die nicht nur weitere Tageszeitungen und Fernsehsender besitzt, sonder auch in zahlreichen weiteren Branchen aktiv ist. Von Kritikern wird das Blatt in besonderer Weise mit der Maxime der Profitmaximierung assoziiert. Dass die Auflage in der Türkei wie in Deutschland über den Kiosk und nicht über Abonnements verkauft werden muss, macht sich an den täglich Aufmerksamkeit heischenden Schlagzeilen fest. Das hat der „Hürriyet“ immer wieder den Vergleich mit der deutschen „Bild“ eingebracht (beide Redaktionen sind übrigens tatsächlich Partner).

Die Liste der Irritationen der deutschen Seite über die Berichterstattung der „Hürriyet“ ist lang. Dabei stammen die gravierenden, nationalistischen Ausfälle der „Hürriyet“-Europaseiten aus den 1990er Jahren, als Ertug Karakullukcu und später Ali Gülen die Berichterstattung verantworteten. Hier brach sich mit Regelmäßigkeit ein Schwarz-Weiß- Denken Bahn. Loyalität zu Deutschland und zur Türkei schlossen sich dabei aus; das Ganze garniert mit einem zuspitzenden Boulevardstil, was zu Recht deutliche Kritik verdient gehabt hätte. Mit dem Amtsantritt des neuen Europachefs Kerem Calÿskan und seinem Stellvertreter Halit Celikbudak 2005 sowie der neuen Geschäftsführerin von Dogan Media International in Frankfurt, Sevda Boduroglu, hat sich der Wind in der europäischen „Hürriyet“-Redaktion allerdings merklich gedreht. Dies äußert sich nicht nur in vermehrt beschwichtigenden Kommentaren, sondern auch in Integrationsinitiativen, die sich an die deutsche Gesellschaft und die türkische Leserschaft richten, etwa zur Schaffung von Ausbildungsplätzen.

Dennoch steht die „Hürriyet“ in Deutschland zu ihrem 60. Geburtstag in der Kritik wie selten zuvor, und dies hat mit der Berichterstattung über den Brand in Ludwigshafen zu tun. Es dauerte einige Tage, bis das Blatt sich wieder auf seine Verantwortung für das Zusammenleben von Türken und Deutschen und die gegenseitige Verständigung besann, nachdem im direkten Anschluss an den Brand recht zügellos über Türkenfeindlichkeit in der deutschen Gesellschaft spekuliert worden war.

Die grundsätzliche Kritik von deutscher Seite daran wäre Jahre zuvor viel angemessener gewesen, als spaltende Töne die „Hürriyet“ wirklich noch dominierten.

Die „Hürriyet“ will in erster Linie nicht die deutsch-türkische Integration fördern, sondern Auflage machen. Trotzdem ist ihr in den letzten Jahren anzumerken, dass sie ihre integrationspolitische Verantwortung anerkennt. Und davon abgesehen: Als ein Stück mediale Heimat haben die „Hürriyet“-Europaausgaben seit dem ersten Erscheinen 1973 einen wichtigen Integrationsbeitrag geleistet. Sie haben den Türken in Deutschland Orientierung in einer für sie zu oft noch fremden Welt geboten und dabei Themen aufgegriffen, die in den deutschen Medien nicht vorkamen (dass Deutschland vielen Türken lange fremd blieb, war sicher nicht in erster Linie die Schuld der „Hürriyet“).

Und diese Themen waren nicht immer türkeiorientiert, sondern betrafen die spezifischen Belange von Migranten in Deutschland – vom Ausländerrecht bis zu den Aktivitäten von Migrantenorganisationen. Eine Gratulation an die „Hürriyet“ zu ihrem 60. Geburtstag ist also angebracht.

Faruk Sen ist Direktor der Stiftung Zentrum für Türkeistudien in Essen.

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