Judith Hermann im TV : Das war das

„Nichts als Gespenster“: Arte zeigt fünf Erzählungen von Judith Hermann in einem Film von Martin Gypkens.

Caro gibt ihrer besten Freundin ein unhaltbares Versprechen. Marion wird in Venedig seltsam berührt. Christine sehnt auf Jamaika einen Sturm herbei. Jonina empfängt lebhaften Besuch auf Island. Und Ellen wird in Nevada mit nichts als Gespenstern fotografiert.

Geschieht etwas? „Nichts Spektakuläres, nichts, das etwas verändern würde, von Veränderung sind sie alle sehr weit entfernt, viel weiter, als sie eigentlich wollen. Und dennoch, etwas geschieht.“ Schreibt Judith Hermann in ihrer Erzählung „Kaltblau“ aus dem Buch „Nichts als Gespenster“. Das gilt mehr oder weniger für alle Figuren, vor allem Frauen um die 30, aus den fünf Episoden, die Martin Gypkens für seine gleichnamige Verfilmung ausgewählt hat. Nachdem „Nichts als Gespenster“, von der Kritik überwiegend gepriesen, Ende November 2007 in die Kinos gekommen war, dort aber nur rund 70 000 Zuschauer gefunden hat, wird er nun erstmals im Fernsehen, und zwar bei Arte ausgestrahlt.

Das ist ein Glück, denn die Frage, ob sich für die Literatur der 39-jährigen Berlinerin eine eigene Filmsprache finden lässt, kann man nun mit Ja beantworten. 1998 erschien mit „Sommerhaus, später“ Hermanns erster Erzählband, und die Autorin wurde als Stimme ihrer Generation gefeiert. Fünf Jahre später folgte „Nichts als Gespenster“, von der Kritik weniger bejubelt, aber trotzdem ein Bestseller. Gerade hat Judith Hermann mit „Alice“ ihr drittes Buch vorgelegt.

Regisseur Gypkens (39), der nach „Wir“ seinen zweiten langen Spielfilm vorlegt, verknüpft die fünf Episoden brillant durch eine parallele Erzählweise.

Langeweile kommt keine auf, obwohl nicht viel passiert, was dem Fernsehanspruch auf Dramatik und Action Genüge tun würde. Dafür ist „Nichts als Gespenster“ hochklassig besetzt und sorgt durch die unterschiedlichen Schauplätze für Abwechslung: In der Wüste Nevadas scheinen die Urlauber Ellen (Maria Simon) und Felix (August Diehl) ihre Liebe zu verlieren, ehe sie in einem Kaff auf eine muntere Geisterjägerin und einen bodenständigen Familienvater treffen. Auf Jamaika träumt Christine (Brigitte Hobmeier) von einer Affäre mit einem Einheimischen und nervt damit ihren Gastgeber Kaspar (Janek Rieke) und Freundin Nora (Jessica Schwarz). In Venedig bleibt Marion (Fritzi Haberlandt) beim Treffen mit ihren Eltern (Walter Kreye, Christine Schorn) trotz 30. Geburtstags das „Kind“, erlebt aber eine verstörende Begegnung mit einem aufdringlichen Mann. Auf Island verliebt sich die verheiratete Jonina (Solveig Arnarsdottir) in den aufgekratzten Jonas (Wotan Wilke Möhring). Und an einem deutschen Kleinstadttheater wird Caro (Chiara Schoras) von Raoul (Stipe Erceg), dem neuen Freund ihrer besten Freundin Ruth (Karina Piachetka), angebaggert.

Die Temperaturen in den einzelnen Episoden schwanken, von schwül-heißer Erregung bis zu kühl unterdrückter Sehnsucht, doch Bilder, Dialoge und Musik erzählen von Menschen, die scheinbar alles haben und alles wollen – oder auch: nichts. „Das war das“, sagt Joninas Mann nüchtern, als der Besuch wieder abgereist ist. Bonjour tristesse zu Beginn des 21. Jahrhunderts. tgr

„Nichts als Gespenster“, 21 Uhr, Arte

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