Jürgen Domian : Diese nimmermüde Nachtgestalt

Der Tod ist der treueste Gesprächspartner des WDR-Talkers Jürgen Domian. Rund 200.000 Menschen schalten regelmäßig ein. Eine Begegnung.

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Wenn Mitternacht vorüber ist, setzt sich Jürgen Domian ans Mikrofon. Foto: WDR Foto: WDR/Annika Fußwinkel
Wenn Mitternacht vorüber ist, setzt sich Jürgen Domian ans Mikrofon. Foto: WDRFoto: WDR/Annika Fußwinkel

Die bunten Sitzgelegenheiten sehen aus wie überdimensionale Bauklötzchen, die Büromöbel scheinen lustig-wahllos verteilt zu sein in dem offenen, großen Raum. Das neue Studiozentrum der WDR-Hörfunkwelle EinsLive in der Kölner Innenstadt sieht aus wie eine Mischung aus Kita und Werbeagentur. Eine etwas kuriose Kulisse, um sich mit Jürgen Domian über den Tod zu unterhalten. Domian, 54 Jahre alt, kurz rasierte Haare, weiche, angenehme Stimme, trägt ein großkariertes Hemd und eine beige Freizeithose. Alles ganz entspannt hier, kurz nach Mitternacht, knapp eine Stunde vor Beginn der Sendung. Den Nachttalk „Domian“ gibt es seit April 1995, zu sehen auch im WDR-Fernsehen. Bundesweit schalten knapp 200 000 Zuschauer ein, eine Hörerzahl wird nicht gemessen. „Die einzige Veränderung, die ich bemerke, ist die, dass wir weniger über Sex reden“, sagt Domian. „Wenn Sie zum zehnten Mal irgendeinen SM-Praktiker hören, dann langt’s auch.“

Sex macht satt, der Tod bleibt immer wieder aufs Neue schockierend. Er tritt hier regelmäßig als stiller Begleiter auf. In den Geschichten von Sterbenskranken, von Trauernden, von Verzweifelten, die ihren Suizidversuch ankündigen. Auch als schlechter Scherz, aber dazu später. Die Themen Sterben und Tod „haben wir schon seit Jahr und Tag“, sagt Jürgen Domian, dessen Anteilnahme in solchen Gesprächen immer noch weniger aufgesetzt wirkt als in so vielen Betroffenheits-Talkshows. Im Grunde eine ziemlich einleuchtende Idee, dass sich der Tod, sollte er sich mal zu einem Exklusivinterview herablassen, diese nimmermüde Nachtgestalt als Gesprächspartner aussuchen würde. Domians Buch „Interview mit dem Tod“ ist seit Wochen in den Bestsellerlisten.

1:01 Uhr, Domian eröffnet die Sendung: „Erster Anrufer heute Nacht ist Daniel. Daniel ist 22. Hallo Daniel.“ Man duzt sich, immer. Domian nennt seine Zuhörer gerne auch „meine Lieben“. Hier versammelt sich eine vertraute Gemeinde. Darüber wachen nebenan in der Regie der Redakteur, der Regisseur, der hier Realisator genannt wird, und die Technikerin. An Tischen um die Ecke telefonieren drei junge Männer, ab null Uhr ist die Hotline geöffnet. Auch die Psychologin hat ordentlich zu tun und berät zum Beispiel eine junge Frau, die von ihrem gewalttätigen Mann bedroht wird. Auf Sendung geht dies nicht. Im Gegensatz zu Daniels „sehr großem Gewissenskonflikt“. Als Achtjähriger sei er von einem Priester sexuell missbraucht worden. Der Priester sei immer noch eng mit der Mutter befreundet und komme oft zu Besuch. Solle er es der Mutter endlich erzählen? Domian rät zu. „Ganz eindeutig“, sagt er. Daniel atmet schwer durch.

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