Medien : Jürgen Roland im Interview: Liebeserklärung an "ein tolles Gespann"

In zwei ihrer ersten "Tatorte" beschäftigten

In zwei ihrer ersten "Tatorte" beschäftigten Sie sich mit dem mühsamen Alltag eines Schutzpolizisten im Frankfurter Bahnhofsviertel. Damals sagten Sie: "Es ist höchste Zeit, einmal die Schutzpolizeibeamten zu zeigen, die die Drecksarbeit machen." Davon sind Manfred Krug und Charles Brauer doch Lichtjahre entfernt.

Das kann man macht nicht vergleichen. In den Frankfurter Fällen ging es um Schupos, in Hamburg - also bei Krug und Brauer - sind es Kriminalbeamte. Aber auch deren Arbeit kann verdammt dreckig sein. Wir hatten kriminalistisch einwandfreie Drehbücher. Insofern sind die Unterschiede doch nicht so groß, wie es vielleicht auf den ersten Blick scheinen mag.

Finden Sie nicht auch, dass Krug und Brauer die letzten Dandys des deutschen Fernseh-Krimis sind?

Das finde ich ein bisschen absurd. Manfred Krug, den ich ja nun wirklich lange kenne, und mit dem ich auch befreundet bin, würde eine solche Frage nur mit einem Kopfschütteln quittieren. Wenn nicht drastischer.

"Wenn wir einem Herrn de Mol nicht bald das Maul stopfen, dann sehe ich schwarz." Starke Worte von Jürgen Roland. Was macht denn den "Tatort" so unerhört wertvoll?

Das ist, unter uns gesagt, ein bisschen bösartig gefragt. Man kann diese beiden Sendeformate einfach nicht miteinander vergleichen. Das wäre so, als würde man ein Porno-Magazin und den Tagesspiegel mit der gleichen Elle messen. Ich halte Sendungen wie "Big Brother" für schlimme Auswüchse. Für mich ist "Big Brother" schlicht und einfach unappetitlich. "Tatorte" sind handwerklich sauber und redlich gemachte Produktionen, die sich jedermann ansehen kann, ohne Schaden an seinen Geschmacksnerven zu nehmen. "Big Brother" verstößt gegen den guten Geschmack, das ist reiner, banaler Voyeurismus.

Es gab mal eine Zeit, da enthielten "Tatorte" so etwas wie Gesellschaftskritik. Geht das heute nicht mehr?

In meinen "Tatorten" habe ich mich um kritische Akzente bemüht. In "Tod eines Polizisten" zum Beispiel. Ich habe immer versucht, zumindest ein bisschen Kritik an den allgemeinen Zuständen einfließen zu lassen. Nicht nur im "Tatort". Im "Großstadtrevier" habe ich schon vor fünf Jahren das Thema "Rassismus in der Polizei" behandelt. Es geht um Ernsthaftigkeit. Deshalb ist es mir schlicht unbegreiflich, wenn ein Politiker wie Herr Westerwelle von der FDP in den Container steigt.

Wie müsste der "Tatort" der Zukunft aussehen, oder ist alles ausgereizt?

Die Quote entschuldigt nicht alles. Und ausgereizt ist überhaupt nichts, dafür sorgt schon die Gesellschaft, die immer wieder neue Geschichten produziert. Das Jahr 2001 ist nicht das Jahr 1960. Drogen zum Beispiel waren im "Stahlnetz" nie ein Thema.

Manfred Krug und Charles Brauer gehen, Robert Atzorn kommt. Was erwarten Sie von diesem Wechsel?

Ich glaube, der Norddeutsche Rundfunk ist sich im Klaren darüber, dass eine Ära zu Ende gegangen ist. Jetzt kommt etwas Neues, und das Neue muss interessant sein, sonst wird es keinen Erfolg haben. Übrigens hasse ich Kollegenschelte. Und auf keinen Fall werde ich etwas sagen, bevor die erste Folge gelaufen ist. Atzorn ist ein hervorragender Schauspieler. Es kommt allerdings darauf wie er, um mit Helmut Qualtinger zu sprechen, die Rolle anlegt.

Zur neuen Fernseh-Welt gehört auch, dass "Tatort"-Kommissare singen und Werbung für die Telekom machen. Was halten Sie davon, dass Stöver und Brockmöller "Singing cops", also Popstars geworden sind?



Ich war immer dafür, dass man die deutschen Schauspieler nicht von etwas ausschließt, was in Amerika, dem Mekka der Fernsehmacher, längst gang und gäbe ist. Ich habe Stöver und Brocki die Telekom-Werbung von ganzem Herzen gegönnt. Und die "Singing cops" kamen doch sehr gut an. Wenn es nichts weiter zu bemängeln gibt als das bisschen Musik, dann ist doch alles in Butter. So ungern ich mich der Quotenpeitsche beuge, aber auch der "Tatort" muss sich daran messen lassen. Und das Publikum war bislang immer begeistert.

Wird dem "Tatort" etwas fehlen, wenn Brockmöller und Stöver vom Bildschirm verschwunden sind? Oder war es höchste Zeit dafür?



Es wird vielen vieles fehlen. Sie waren ganz einfach ein tolles Gespann. Ich fand es immer vorbildlich, wie die beiden gelernten Schauspieler auf Schulterschluss gegangen sind. Die Führung lag ganz sicher bei Krug, aber ohne Brauer hätte er nicht eine solche Kontur gewonnen. Wenn ich mir Wiederholungen ansehe, denke ich jedes Mal, Mensch, sind die gut.

Manfred Krug gilt als schwierig. Wie kamen Sie mit ihm zurecht?

Das Wort "schwierig" hasse ich im Zusammenhang mit Schauspielern. Es gibt Textaufsager, für die es die Hauptsache ist, dass die Gage stimmt. Und dann gibt es die anderen, die alles, was sie tun, sehr ernst nehmen und einen eigenen Anspruch haben. Die lassen sich natürlich nicht einfach rumschubsen. Mit Krug wäre das nie möglich gewesen. Ich habe ihn nie als schwierig empfunden. Wenn man ihn beiseite nahm und das Problem besprach, dann ging es immer. Ich habe mit ihm nur die besten Erfahrungen gemacht. Wir hatten nie eine Situation, in der das Gesetz, also der Vertrag, entscheiden musste. Wir haben immer einen Modus vivendi gefunden. Ich hoffe, Sie merken, dass dies eine Liebeserklärung an "schwierige" Schauspieler ist. Ich hasse die Weicheier, die everybodies darling sein wollen. Es ist schon schlimm genug, dass sich heute alle möglichen Leute Schauspieler nennen, die vielleicht alles sind, aber bestimmt keine Schauspieler.

Warum glauben Sie, hören Krug und Brauer auf?

Das müssen Sie die beiden schon selber fragen. Aber ich könnte mir denken, dass Krug sich diese große Kraftanstrengung nicht mehr antun möchte. Er will Musik machen und sich um seine Enkel kümmern. Und Brauer hat so viele Angebote für schöne Rollen, dem wird die Zeit auch nicht lang werden.

Der vierzigste Einsatz wird auch der letzte des Kommissaren-Duos Stöver/Brockmöller sein. Bei diesem letzten Einsatz hat Jürgen Roland einen Gastauftritt. Wie Berti Vogts vor einiger Zeit. Was werden wir heute Abend sehen?

Es ist ein schöner Witz, dass ich mitspielen darf. Ich gebe in zwei Sätzen den Polizeipräsidenten. Für mich ist das eine große Verbeugung vor den wirklichen Schauspielern.

Warum hatten Krug und Brauer höchste Popularitätsraten und Einschaltquoten?

Das Publikum muss die Möglichkeit haben, sich mit dem Hauptdarsteller zu identifizieren, hat einmal der amerikanische Krimi-Autor Raymond Chandler gesagt. Die Menschlichkeit der beiden war ihr Erfolgsgeheimnis. Sie waren die menschlichsten Kommissare, die wir hatten. Und die witzigsten.

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