Jürgen Vogel : "Ich springe lieber ins kalte Wasser"

Jürgen Vogel zieht in die "Schillerstraße" ein. Im Interview mit dem Tagesspiegel spricht er über Mut, Improvisation und gutes TV-Futter.

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Neuer Mieter. Jürgen Vogel (Mitte) gesellt sich in der „Schillerstraße“ zu Comedian Oliver Welke, Spielleiterin Maike Tatzig, dem...

Herr Vogel, lassen Sie uns über Mut reden. Was war Ihre mutigste Tat im Leben?



Ich bin mit 15 Jahren zu Hause ausgezogen und mit 16 von Hamburg weg, um Schauspieler zu werden. Das war schon ein mutiger Schritt. Ich war dann erst ein paar Monate in München und danach in Berlin. Und das Beste war, dass ich dafür belohnt worden bin, mich neu zu erfinden.

Sie haben an einem einzigen Tag in München festgestellt, dass die Schauspielschule nichts für Sie ist.

Ja, Mitte der achtziger Jahre ging es ziemlich theaterlastig zu. Da war es verpönt, Filmschauspieler werden zu wollen. Aber ich wollte, ehrlich gesagt, nie zum Theater.

Ich wette, die meisten Ihrer Schauspielerkollegen denken, wenn sie bei der „Schillerstraße“ einstiegen, wäre das schädlich fürs Image. Sind Sie besonders mutig oder begehen Sie gerade beruflichen Selbstmord?

Darüber zu grübeln, was das für mein Image bedeutet, ist mir total fremd. Darin besteht ja gerade meine Freiheit, mich auszuprobieren. Sich zu trauen und zu scheitern finde ich nicht so schlimm wie sich gar nicht zu trauen und nichts zu probieren.

Sat 1 spekuliert nicht nur auf den prominenten Namen, sondern wohl auch darauf, dass man dem Schauspieler Vogel vor der Kamera so ziemlich alles zutraut.

Keine Ahnung, mich hat die Produktionsfirma ins Boot geholt.

Täuscht der Eindruck, oder waren Sie in der ersten, bereits aufgezeichneten Sendung ziemlich nervös?

Ja, das war schon ungewohnt. Man ist dem Publikum sehr nahe. Die Reaktionen der Zuschauer sind ja Teil der Show.

Schlimmes Lampenfieber?

Nein, es geht.

Haben Sie etwas von den Comedy-Kollegen gelernt?

Jeder Einzelne macht es auf seine Art. Jeder macht seine Musik, und man versucht, mit dem eigenen Instrument nicht gegen den Rhythmus zu spielen. Man passt sich an – das ist wie eine andere Form der Musikalität.

Sie spielen sich selbst, nur mit dem Unterschied, dass Sie als Schauspieler keinen Erfolg haben.

Ich fand es lustig, jemanden zu spielen, der es noch nicht geschafft hat, aber denkt, er stehe kurz vor seinem Durchbruch. Man kann dabei auch über sich selbst und den Job lachen, und die anderen Darsteller können darauf leichter einsteigen. Außerdem kenne ich diese Situation, die Ängste und Hoffnungen, noch gut. Man vergisst ja nicht, wie man sich fühlte, als man angefangen hat.

Und wie haben Sie sich gefühlt?

(Lachend): Ganz schön armselig teilweise.

Sie haben sicher alle bisherigen 110 Folgen „Schillerstraße“ gesehen?

Auf keinen Fall. Ich kannte es natürlich und habe mir auch noch ein paar Folgen schicken lassen. Aber ich wollte mich da nicht belasten und frei reingehen. Man lernt am meisten, wenn man es selber macht.

Vor welcher Ansage von „Spielleiterin“ Maike Tatzig fürchten Sie sich?

Vor jeder. Man ist immer erschrocken, wenn es einen trifft, aber das ist auch gut so.

Haben Sie womöglich aus Furcht vor dem Versagen bei der „Schillerstraße“ das Improvisieren geübt?

(Lachend): Nein, so etwas würde mir nur Angst machen. Ich springe lieber ins kalte Wasser.

Statt einer Frau ist nun ein Mann der Hauptmieter. Verändert sich die Tonlage?

Bestimmt – ganz unabhängig vom Geschlecht. Ich habe sicher einen anderen Humor als Cordula Stratmann, aber meine Figur hat auch feminine Anteile, das wird man in den nächsten Folgen sehen.

Sie saßen auch schon bei „Bully sucht die starken Männer“ für Pro 7 in der Jury. Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Privatfernsehen?

Es gibt sehr gutes und sehr schlechtes Unterhaltungsfernsehen, das ist bei den Privaten nicht anders als bei den Öffentlich-Rechtlichen. Ich habe da mitgemacht, weil ich Bully Herbig sehr mag. Es war wie mit der „Schillerstraße“: Als das Angebot kam, habe ich kurz nachgedacht und zugesagt. Man muss den Kopf auch ein bisschen ausschalten. Als Bedenkenträger geht einem der Spaß verloren.

Alle Zuschauer gucken am liebsten Arte. Was schätzen Sie am Fernsehen?

Dass es noch da ist, wenn man es anschaltet. Mal gucken, wie lange das noch so ist.

Spüren Sie schon die angekündigte Krise?

Seit ich mich erinnern kann, sind Film und Fernsehen permanent in der Krise.

Also alles nur Krisengerede?

Ja. Natürlich beschäftigt uns alle der Gedanke an den Zusammenbruch des kapitalistischen Systems. Aber es ist auch eine geile Grundlage, um gutes Fernsehen zu machen. Das ist wieder Futter, auch für die „Schillerstraße“. Mal sehen, welche Bälle wir uns da zuwerfen.

Haben Sie endlich Lust aufs Theaterspielen bekommen?

Nicht wirklich. Aber wer weiß, was passiert, wenn ich 60 bin.

Das Interview führte Thomas Gehringer.

Jürgen Vogel, 40, ist einer der profiliertesten Schauspieler Deutschlands. Er hat nie eine Schauspielschule absolviert. Der Durchbruch gelang ihm 1992 mit Sönke Wortmanns Kinofilm „Kleine Haie“.
Diverse Auszeichnungen, darunter Ernst-Lubitsch-Preis, Bayerischer Filmpreis, Silberner Bär bei der Berlinale 2006 für seine Leistung in „Der freie Wille“. Vogel tritt auch in kleineren Fernsehrollen („Tatort“) auf und moderiert bei ungewöhnlichen TV-Formaten wie „Fat Machines“(Dmax). Ab Freitag macht Vogel in der Impro-Comedy „Schillerstraße“ mit (Sat 1, 20 Uhr 15).

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