Jugend-Doku : Was soll werden, was soll ich werden?

„Mein Traum von mir“: Das ZDF begleitet fünf Schülerinnen und Schüler im letzten Schuljahr.

Tilmann P. Gangloff
303377_3_xio-fcmsimage-20091005171511-006000-4aca0d7f8ee0f.heprodimagesfotos88120091006klasse09.jpg
Jetzt wird es ernst. Hanna, Alena, Can, Martin und Karl (v. l. n. r.) sollen stellvertretend für 700 000 Schülern stehen, die im...

Schon der flott gemachte Vorspann wird das Stammpublikum des ZDF womöglich irritieren. Wo es am Dienstagabend sonst gern um gekrönte Häupter oder Nazigräuel geht, tummelt sich heute (und nächste Woche) ein Quintett im letzten Schuljahr. „Mein Traum von mir“ heißt diese zweiteilige und insgesamt 90 Minuten dauernde Langzeitbeobachtung. Ein Jahr lang hat das Autorentrio Bernd Reufels, Anne Kauth und Frank Eggers mit fünf Jugendlichen die Schulbank gedrückt. Und natürlich ist es nicht irgendein, sondern das letzte Schuljahr. Die drei Jungs und die beiden Mädchen aus unterschiedlichen Schulformen in unterschiedlichen Regionen (Hanna und Karl kommen aus Berlin) stehen also vor Weichenstellungen, die zumindest die Lebensplanung der nächsten Jahre entscheidend beeinflussen werden: Schulwechsel, um doch noch das Abitur zu machen? Ausbildung? Und wenn ja, welche?

Natürlich ist ein Projekt dieser Art mit viel Aufwand verbunden und entsprechend teuer. Andererseits darf man derlei von ARD und ZDF mit Fug und Recht erwarten. Fußballspiele können auch RTL oder Sat 1 übertragen; auf solche Dokumentationen aber kann man dort lange warten. Die Machart hingegen wäre vermutlich gar nicht so unterschiedlich. Tatsächlich erinnert „Mein Traum von mir“ kräftig an die allfälligen Doku-Soaps. Der Schnitt ist allerdings nicht ganz so flott, und Schauspieler Michael Mendl wird mit seiner getragenen Sprechweise Jugendliche im Alter der Protagonisten (zwischen 15 und 19 Jahren) nicht gerade mitreißen. Das ist schade, denn gerade sie müssten ein großes Interesse daran haben, den eigenen Lebensentwurf mit anderen zu vergleichen.

Das ständige Hin- und Herhüpfen zwischen den verschiedenen Erzählebenen wie auch der Versuch, mit einer „Digicam“ und Videotagebüchern für optische Auflockerung zu sorgen, gehorcht exakt jener Verpackung, in der Privatsender ihrem Publikum das vermeintlich wahre Leben andrehen. Die ZDF-Kopie geht sogar so weit, die Redundanzen zu übernehmen. Als müsse man alle paar Minuten neu hinzugekommene Zuschauer darüber informieren, worum es geht, erfährt man mehrfach, dass beispielsweise der junge Can 15 Jahre alt ist, auf Usedom zur Schule geht und sein Vater einen Dönerimbiss gleich neben der Schule hat.

Zweite Schwäche des Films sind die Eltern. Mag ja sein, dass man die Erzeuger nicht komplett ignorieren kann, wenn es um Schule und Ausbildung geht, aber das Autorentrio hätte sich trotzdem auf die Schülerinnen und Schüler konzentrieren sollen; die Streitgespräche gerade der Mädchen mit ihren Müttern erinnern unangenehm an die kommerziellen Schlüsselloch-Dokus. All diese Schwachpunkte aber steckt der Film locker weg, weil das Quintett eine hervorragende Wahl war: Offen und ungekünstelt, eloquent, aber dennoch natürlich gewähren sie Einblicke in ihr Innenleben.

„Mein Traum von mir“ ist Auftakt des ZDF-Programmschwerpunkts „Klasse ’09“. Weitere Sendungen sind unter anderem die heutige Ausgabe von „37 Grad“ über Kinder im letzten Grundschuljahr sowie die vierteilige Dokumentation „Von 5 auf 2“ (samstags) über fünf vermeintliche Schulversager, die mithilfe eines Schulcoachs ihre Lernschwächen überwinden.

„Mein Traum von mir“, 20 Uhr 15, ZDF, Teil 2 am 13.10.; „37 Grad: Das Jahr der Entscheidung“, 22 Uhr 15, ZDF

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben