Medien : Kabarettisten aller Sender, vereinigt euch!

Dieter Hildebrandt geht mit seinem „Scheibenwischer“ ins Finale. Nachfolge-Sendung mit Jonas, Richling, Schramm?

Joachim Huber

Sehr lange Zeit sah es so aus, als wäre der „Scheibenwischer“ heute Abend im Ersten auch der letzte. Der Frontmann Dieter Hildebrandt hört auf, das war ausgemacht, aber wie er aufhören sollte und wollte, das hatte was von Kabale und Hiebe. Hildebrandt wollte nicht, was die ARD wollte, eine Gala nämlich, die den Kabarettisten feiert; er wollte, „wenn überhaupt, eine Gala für die ganze ,Scheibenwischer’-Mannschaft“. Hildebrandt will in der Manier abtreten, in der er vor 23 Jahren beim Sender Freies Berlin angefangen hat – als aktiver Kabarettist, auf der Bühne, live, im gewohnten Format. Erst jetzt, nach einem Spitzen- und Krisengespräch am Dienstagabend im Rundfunk Berlin-Brandenburg, haben sich alle wieder lieb.

Deswegen ist der „Scheibenwischer“ heute um 21 Uhr der vorletzte, der letzte findet am 2. Oktober statt. Justus Boehncke, Abteilungsleiter Fernsehfilm und Unterhaltung im RBB-Berlin, kennt die Details: „Für das verabredete ,Scheibenwischer-Finale’ gilt die Faustregel: eine 90-minütige Kabarettsendung, die zunächst aus einem normalen ,Scheibenwischer’ und dann aus kabarettistischen Überraschungen für Dieter Hildebrandt bestehen wird.“ Der Kabarettist werde dabei nicht auf dem Sofa sitzen, eine Sektflöte halten und mit Blumen zugedeckt, sondern es werde mit ihm als handelnder Person auf 23 Jahre „Scheibenwischer“ im Ersten Deutschen Fernsehen zurückgeblickt. Hildebrandt als „embedded Kabarettist“ sozusagen, im Kreise der „Scheibenwischer“- Mannschaft Bruno Jonas, Mathias Richling und Georg Schramm – im weiteren geehrt, wenn nicht gefeiert von Gerhard Polt oder Werner Schneyder. „Am Schluss wird es dann sicherlich noch Blumen von der RBB-Intendantin Dagmar Reim geben“, sagt Boehncke. Dann gehen die Scheinwerfer aus, und es wird richtig gefeiert.

Und was kommt nach dem „Scheibenwischer“? Boehncke und seine Mitarbeiter versuchen, eine wöchentliche Satire-Sendung im Ersten an zu entwickeln, wahrscheinlich am Freitag nach 22 Uhr 15, 30 Minuten lang, mit dem Team Richling, Jonas, Schramm und weiteren neuen Kräften, denn wöchentlich eine halbe Stunde mit Scherz, Satire und Tiefe sind eine wahre Herausforderung, ein Kraftakt. „Es muss sich noch herausmendeln, ob in jeder Sendung alle drei anwesend sind, oder nur zwei oder nur einer. Klar ist, dass Dieter Hildebrandt in der neuen Sendung ein gern gesehener Gast ist“, sagt Boehncke. Der ist nicht abgeneigt, wenn er sagt, „vielleicht lädt mich das Fernsehen ja auch mal ein“.

Was das neue Format aber nicht sein soll, das ist „ein Reste-Scheibenwischer“. Neu ist die Arbeit im Teamwork; neu ist der Wunsch, eine Rahmensituation zu kreieren, in der ohne Zwang und Peinlichkeit Gäste auftauchen können oder Einspielfilme möglich werden – „Irrenhaus“ oder „Schlagbaum vor dem Bundestag“ kann sich Boehncke als feststehende Szene vorstellen. Und bei einer wöchentlichen Ausgabe braucht es auch ein festes Autorenteam, denn Jonas & Co. sind immer mal auf Tournee oder aus anderen Gründen verhindert. Dieter Hildebrandt sieht genug Potenzial, es biete sich eine ganze Reihe sehr guter junger Kabarettisten an, die man sonst nicht unbedingt auf dem Bildschirm sehe. „Es gibt unendlich viele Kleinkunstbühnen in Deutschland mit einem sehr abwechslungsreichen Programm“, sagt Hildebrandt. Kabarett sei eben nicht tot, es sei ein menschliches Grundbedürfnis, sich einzumischen, „und da ist das Kabarett die künstlerische Form des Widerstands“. Hildebrandt bleibt dem auf jeden Fall verbunden, wenn er ankündigt, „als spielender Vorleser weiter durch die deutschen Lande zu ziehen“.

Das Projekt des „Scheibenwischer“-Nachfolgers folgt einem Aufruf des ARD-Unterhaltungskoordinators Günther Struve, der auch ARD-Programmdirektor ist. Zum Grundgesetz des Ersten gehört, dass vor jeder Ausstrahlung eines neuen Formates eine Pilotsendung hergestellt werden muss. Dafür hat Hildebrandt kein Verständnis. „Ich hätte den Staffelstab gerne nahtlos weitergegeben“, grantelt der 76-Jährige, aber die „Herren von der ARD“ hätten es nicht gewollt. „Es mutet schon fast lächerlich an“, meint er, dass die ARD so wenig Vertrauen in die Qualitäten seiner langjährigen Mitstreiter Jonas, Richling und Schramm habe, die nicht gerade zum Nachwuchs bei Kabarett und Satire gehören.

Aber durch dieses Nadelöhr der Pilotsendung müssen alle Unterhaltungsformate der ARD hindurch. Durchaus mit Risiko, denn bei Nichtgefallen müssen Redaktion und Protagonisten zwecks Überarbeitung erneut ran, oder aber, noch viel schlimmer, das Projekt wird beerdigt. Ernsthaft erwartet beim „Scheibenwischer“-Nachfolger kein Beteiligter eine solche Pleite. Trotzdem, vor dem zweiten Quartal 2004 rechnet Boehncke nicht mit einem Sendestart. Er nennt Gründe: Der RBB, fusioniert aus SFB und ORB, sei noch keine drei Wochen alt. Mit dem Amtsantritt von Intendantin Dagmar Reim ist in den beiden Teilanstalten begonnen worden, Farbe zu bekennen. Was kann, was will sich der RBB leisten, womit will er in der ARD, im Unterhaltungsteil des ersten Programms, dem er sieben Prozent zuliefern muss, vertreten sein? Die von den alten Geschäftsführungen gerne getroffene Aussage, dass SFB und ORB zusammen zwei ergebe, ist falsch: Eins plus X ist richtig. Was auch nicht gerade einfach ist, ist die Zusammenführung der beiden Abteilungen für Unterhaltung in Berlin und Potsdam auf ein gemeinsames Verständnis von Satire und Humor.

Die Kraftanstrengung einer wöchentlichen Satire-Sendung wird dem RBB nicht ohne Kooperationspartner gelingen. Boehncke blickt nach Westen zum WDR, von dem auch der künftige RBB-Fernsehdirektor Gabriel Heim erwartet wird. Außerdem ist ARD-weit das Kabarett, gar noch das politische Kabarett, weder gepflegt noch gefördert worden. Das gab es eben nur beim SFB oder beim WDR mit seinen „Mitternachtsspitzen“. So gesehen waren 23 Jahre „Scheibenwischer“ eine sehr mutige Tat des SFB, und an diesem Mut – da ist sich Justus Boehncke ganz sicher – „wird es dem RBB auch nicht fehlen“. Und das wird Dieter Hildebrandt, bei aller Wehmut, doch sehr gefallen.

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