• Kabelnetz-Betreiber: Doppel-Verdiener - Wer Fernsehkabel verlegt, hat Macht über den TV-Markt

Medien : Kabelnetz-Betreiber: Doppel-Verdiener - Wer Fernsehkabel verlegt, hat Macht über den TV-Markt

Matthias Hochstätter

Heinz-Josef Chlosta lacht verschmitzt: "Früher oder später wird Leo Kirch zahlen müssen, und zwar kräftig." Chlosta ist Chef-Stratege der Primacom AG, einer der großen Kabelnetz-Betreiber in Deutschland. Fernsehen ohne TV-Kabel ist heute in jedem zweiten deutschen Haushalt nicht mehr möglich. Die Sender sind auf das Kabel angewiesen. Warum sie also nicht zur Kasse bitten? Wer nicht zahlt, bleibt eben draußen. Zuviel Geld wurde bislang in die maroden Telekom-Netze investiert, als dass man nicht an beiden Enden des Kabels nach Erlösen sucht.

Die Londoner Klesch & Company hatte sich für zwei Milliarden Mark die Mehrheit am hessischen Kabelnetz der Telekom gesichert. Und die Callahan Associates aus Denver legte in Baden-Württemberg eben mal schlappe 3,8 Milliarden Mark auf den Tisch. Dort wie auch in NRW gehören 55 Prozent Callahan. Diese Investitionen sollen sich irgendwann rechnen. Die Primacom hat sich eigene Netze gebastelt, parallel zum alten Telekom-Kabel. In Rheinland-Pfalz und Sachsen werden einige Milliarden Mark in moderne Kabelnetze aus Glasfaser investiert. 200 000 Kunden will die Primacom bis Ende des Jahres haben. An den zum Verkauf stehenden Telekom-Kabeln war man nicht interessiert. "Die sind aus Kupfer", sagt Chlosta, "die Nachrüstungen können einen an die finanzielle Schmerzgrenze drücken". Schmerzen dürften demnach bald die Kleschs und Callahans bekommen. Die brauchen dringend neue Einnahmen, und zwar nicht nur von den Endkunden. Sender wie Sat 1 oder RTL zahlen der Telekom jährlich 4,4 Millionen Mark dafür, dass sie bundesweit in die 18 Millionen Kabel-Haushalte eingespeist werden. ARD und ZDF mussten bislang nichts zahlen. Diese Abmachung wurde seinerzeit mit der alten Bundespost getroffen.

Bei den 15 öffentlich-rechtlichen Programmen will die Telekom nun abkassieren und geht vor dem Landgericht Potsdam exemplarisch gegen den ORB vor. Das Kabelnetz in Berlin/Brandenburg ist bis auf weiteres noch fest in der Hand von Ron Sommers Mannschaft. Setzt die sich vor Gericht durch, kann es für ARD und ZDF teuer werden. "Letztlich", merkt ARD-Sprecher Jan Büttner an, "zahlt der Gebührenzahler die Zeche." Der entlohnt dann die Kabelbetreiber doppelt: Einmal direkt für seinen Kabel-Anschluss, und indirekt über eine erhöhte Rundfunk-Gebühr. Wie die Wegelagerer können dann Telekom, Klesch und Konsorten bestimmen, wer übers Kabel in die Wohnzimmer darf. RTL oder Pro Sieben dürfen natürlich, dafür sorgen die Landesmedienanstalten. Aber kleine Spartenkanäle wie n-tv oder N 24 könnten gegeneinander ausgespielt werden. Wer mehr zahlt ist drin. Wie in der Schweiz, wo MTV nicht ins Kabel durfte und Viva nun die Nase vorn hat.

Peter Charisee, Justiziar des Verbands Privater Rundfunk und Telekommunikation (VPRT), sieht für Deutschland nicht so schwarz: "Wenn die Kabelnetze ausgebaut werden, dann ist genügend Platz für alle. Stichhaltige Gründe für eine Preiserhöhung gibt es dann nicht." Schließlich müsse die Regulierungsbehörde ihr Placet geben. Doch das Breitband-Kabel der Zukunft kann schnell eng werden. Die Kabelbetreiber wollen ihren Umsatz in fünf Jahren auf sieben Milliarden Mark verdoppeln. Das geht aber nicht, wenn sie nur passiv als Transporteur fremder Programme dienen. Wenn die Kabelnetze breitbandig renoviert sind, dann wollen Klesch, Callahan, UPC und Primcom eigene TV-Programme anbieten, Internet und Fernsehen koppeln und das Telefon ins TV-Kabel einklinken. Primacom bietet in Leipzig schon eigenes PayTV an - digital und interaktiv. Premiere World müsste da als direkter Konkurrent für die Einspeisung schon einiges abdrücken, so Primacom-Stratege Chlosta.

Verzögert wird die Entwicklung des Kabels durch die Telekom. Durch den Teilverkauf der TV-Netze hat sie zwar offiziell ihre Vormacht-Stellung auf dem Kabelmarkt abgegeben, mit ihren Sperr-Minoritäten kann sie aber bei der künftigen Nutzung noch ein Wörtchen mitreden. Noch sollen die Deutschen lieber nicht via TV-Kabel telefonieren oder im Internet surfen. Die Telekom macht ihr Geschäft schließlich mit den Telefon-Kabeln. Der Gewinn des ehemaligen Staatsbetriebs brach im letzten Jahr ja um 44 Prozent ein. Sommer will aus seinen alten Telefon-Leitungen die letzte Mark herausquetschen, und die rüstet er nun erst einmal mit der ISDN-Nachfolge-Technologie T-DSL auf. Dann kann man sehen, was das TV-Kabel hergibt. Wenn es soweit ist, hat die Telekom als Mit-Gesellschafter beim Kabel in NRW oder im Ländle Zugriff auf insgesamt acht digitale Kanäle, also Platz für gut 80 Programme. Die wollen mit Inhalten gefüllt sein. Der Wunsch-Partner der Telekom ist schon gefunden: Leo Kirch. Und für eine Kooperation, welcher Art auch immer, sieht VPRT-Justiziar Charisee kartellrechtlich "derzeit kein größeres Hindernis mehr".

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