Medien : Kaffee für den Todesengel

Das ZDF zeigt Christian Petzolds „Wolfsburg“

Christina Tilmann

Es gibt Filme, die reifen in der Erinnerung, werden satter, voller, reicher, wie guter Wein. Auf die man damals, als sie ins Kino kamen, vielleicht zu vordergründig geblickt hat, fixiert auf Stars, Drehbuch und Story, und plötzlich sind da in der Erinnerung nur noch Bilder und Szenen geblieben. Eine nasse Straße in der Nacht, eine Frau, gefährlich schwankend auf dem Fahrrad, ein Schuh, im Auto vergessen. Ein früher Morgen, der Nebel noch über der Welt, und eine Tasse Kaffee aus dem Pappbecher. Kinderbilder an der Wand, ein Stadtplan mit rot umrandeten Orten. Der Jahreskalender mit Automotiven, in diesem kalten gläsernen Autoverkaufstempel. Eine herzzerreißende Streit-Szene in der Badewanne, und eine seltsam distanzierte Liebe am Strand. Ein rotes Auto, ein schwarzes Fahrrad. Ein blonder Schlacks und eine Frau mit glatten, schwarzen Haaren.

„Wolfsburg“ von Christian Petzold ist ein Film, der das Pech und das Glück hatte, dass er dazwischen kam. Zu früh und zu spät. Nach Filmen, die den 1960 geborenen Regisseur zu einer der interessantesten Erscheinungen des deutschen Gegenwartskinos machten: Mit „Die innere Sicherheit“, dem stillen, zornigen Ex-Terroristen-Drama, das Julia Hummer zum Star machte, fing es an, im Jahr 2000. Danach, 2002, kam „Toter Mann“, der kalt berechnete und doch verzweifelte Rachefeldzug einer zarten, blonden Frau (Nina Hoss), ursprünglich fürs Fernsehen gedreht und dann ein Kinoerfolg – diese beiden Filme lagen vor. Und dann kam „Wolfsburg“, 2003, und man war geneigt, diese Geschichte von Unfall, Tod, Lüge, Liebe und Rache, wieder fürs Fernsehen gedreht, wieder ins Kino gebracht, für ein Remake zu halten, der Film wieder mit der herausragenden Nina Hoss, diesmal mit schwarzem Haar, wieder mit dieser seltsam stillen, gleichsam nach innen gewendeten Aggression, die alle Petzold-Filme auszeichnet.

Und dann kommt in diesen Wochen „Gespenster“, Petzolds jüngster Film, ins Kino, und man begreift: Das hat System. Gespenster, Geister, nur auf Abruf in dieser Diesseitswelt sind sie alle, seine stillen Gestalten. Die Terroristeneltern in „Die innere Sicherheit“, vor Jahren untergetaucht, leben eine Zeit weiter, die es nicht mehr gibt (selbst die Geldscheine, die sie auf der Flucht vergruben, sind nichts mehr wert), auch die blonde Leyla, die in „Toter Mann“ den Mörder ihrer Schwester sucht, lebt wie untergetaucht, eingefroren, eingesponnen in einen Kokon aus Abwehr und Kälte, nicht „Toter Mann“, nein, „Tote Frau“ müsste der Film heißen. Und Laura, die Hauptperson in „Wolfsburg“, sitzt tagelang im Krankenhaus an der Seite ihres Sohnes, der zwischen Leben und Tod schwebt. Und irgendwann, als es vorbei ist, steht sie am Kaffeeautomaten, bleich und schön. Auch Todesengel trinken manchmal Kaffee.

In „Gespenster“ schließlich wird es eine Mutter sein, in Berlin auf der Suche nach ihrer verlorenen Tochter. Verlorene Töchter, verunglückte Söhne, ermordete Schwestern, verratene Eltern: mindestens so sehr wie von der Unmöglichkeit der Liebe, die sich doch alle Protagonisten schmerzlich ersehnen, und die dann doch noch einmal möglich wird, für einen kurzen unwahrscheinlichen Moment, erzählen Petzolds Filme von dem Ende der Familie. Und von der Sehnsucht danach, der Sehnsucht nach Nähe, in einer kalten, glatten Welt, die Berlin heißen kann, oder Wolfsburg, oder Portugal. Unsere Welt. Und unsere Sehnsucht.

Weil er sie zeigt, bedient und gleichzeitig als Illusion entlarvt, ist Christian Petzold ein Regisseur unserer Zeit. Es dauert nur manchmal etwas, bis man es merkt.

„Wolfsburg“: ZDF, 20 Uhr 15

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