Kai Wiesinger : "Ich fühle mich nicht verkauft"

Der Schauspieler Kai Wiesinger spricht im interview mit dem Tagesspiegel über die Serie "Die Anwälte", die von RTL zur ARD gewandert ist.

Wiesinger
Kai Wiesinger. Smart, aber hart. -Foto: ARD

Herr Wiesinger, heute Abend wird sich zeigen, ob „Die Anwälte“ auch in der ARD floppen. Haben Sie Angst?

Nein. Mich freut die zweite Chance für „Die Anwälte“. RTL hatte die Größe, sich von einem Programm zu trennen, was bei ihnen nicht funktioniert hat. Und es beweist, dass wir an das Projekt geglaubt haben und ihm jetzt eine neue Plattform bieten, statt es nur Online auszustrahlen oder komplett versanden zu lassen.

Sie klingen ja plötzlich ganz versöhnlich. Als RTL „Die Anwälte“ nach nur einer Folge absetzte, machten Sie Ihrem Ärger öffentlich Luft.

Ich war wirklich sehr sauer. Das Konzept war ja schließlich nicht, einen Blockbuster zu zünden, der sich mit einer Pilotfolge an das Publikum ranschmeißt. Sondern „Die Anwälte“ sind auch der Versuch, auf der horizontalen Ebene etwas zu erreichen. Die Zuschauer sollen sich mit den fünf Hauptcharakteren entwickeln und sehen, wie sie sich durch ihre Fälle verändern. Dafür ist es zwingend notwendig, mehrere Folgen zu sehen. Wenn es dazu aber erst gar keine Chance gibt, ist man natürlich sehr enttäuscht.

Fühlen Sie sich nicht als ein Fernsehsklave, der gerade mal weiterverkauft wurde?

Nein, überhaupt nicht. Ich mache meine Arbeit und egal, ob ich nun einen Kinofilm, Zweiteiler oder eine Serie drehe, versuche ich immer die beste Qualität zu erzielen. Was dann damit passiert, ist nicht mehr in meiner Hand. Manchmal stellt man nach dem Schnitt zwar fest, dass der Film nichts mehr mit dem zu tun hat, was im Drehbuch stand. Dann haben eben andere Leute ihre Arbeit gemacht. Das muss nicht zwingend mit meinem Geschmack übereinstimmen, ist aber natürlich zulässig. Schließlich ist Kunst, zu der ich Film und Fernsehen zähle, Geschmackssache.

Am Ende setzt sich oft der Geschmack durch, der die beste Quote verspricht.

Die Einschaltquote ist nun mal die akzeptierte Währung. Aber sie zeugt eben nur von Quantität, nicht von Qualität. Natürlich muss eine Serie oder ein Film den Zuschauern Spaß machen, denn nur dann kann das Geld wieder eingespielt werden, um neue Folgen zu drehen. Aber den Wert einer Serie nur an der Quote festzumachen, ist falsch. Obwohl ich finde, dass auch eine Dschungelshow ihre Berechtigung hat.

Solche Sendungen scheinen die RTL-Zuschauer lieber zu sehen als „Die Anwälte“. Lässt Sie das verzweifeln?

Die Diskussion ist ja sehr schwierig: Verdummt man das Publikum, in dem man ihm dumme Sachen zeigt? Ich glaube, es ist eine Frage von Bildung, Kultur und Integration in unserer Gesellschaft. Es kann nicht einfach jemand herkommen, und das Publikum erziehen, sondern eine Gesellschaft muss sich auch mal in eine Richtung entwickeln. Das ist ein langwieriger Prozess. Es arbeiten sicher viele Leute daran, dass die Gesellschaft ein anderes Wahrnehmen, ein anderes Sehen lernt und sich nicht in erster Linie durch Häme, Schadenfreude und Pannen unterhalten fühlt.

Wollen Sie mit Ihrer Serie einen Beitrag zur Konditionierung des Publikums leisten?

Nein, überhaupt nicht. „Die Anwälte“ sind eine deutsche Unterhaltungsserie und sollen auch nichts anderes sein. Es wäre ja absurd, wenn wir jetzt kommen und sagen: „Liebe Leute, wir zeigen Euch jetzt, was Qualität ist.“ Das wissen wir ja auch nicht. Jeder kann nur im Kleinen seine Schritte gehen und sagen, wenn ich eine Serie machen würde, dann so: „Die Anwälte“ handeln nach deutschem Recht Fälle ab, die für unsere Gesellschaft eine gewisse Relevanz haben. Sie sollen keine Adaption amerikanischer Vorbilder oder völlig fiktiv sein.

Sind „Die Anwälte“ vielleicht gerade deshalb bei RTL gescheitert, weil das Publikum einen solchen Serienstil nicht mehr gewohnt ist?

Es überrascht die Zuschauer sicher extrem, wenn in einem irrsinnig witzigen und bunten Programm plötzlich eine ruhige, nette Geschichte daherkommt. In der ARD trifft die Serie auf ein Publikum, das keine schnellen Schnitte braucht und eher Lust hat, sich auf so ein Timing einzulassen. Die ARD ist deshalb der richtigere Platz für „Die Anwälte“.

Werden Sie trotzdem auch weiterhin für RTL drehen?

Das kommt immer aufs Buch an. Aber es wäre eine völlig unangemessene Überreaktion und total kindisch, wenn jetzt irgendjemand beleidigt wäre, weil „Die Anwälte“ abgesetzt wurden. Uns geht es ja allen um das Gleiche: Zufrieden zu sein mit der eigenen Arbeit.

Das Interview führte Sonja Pohlmann.

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