Kalkofes Mattscheibe : Fremdschämen als Programm

Fast schon Kult, startet auf Pro 7 eine neue Staffel von Oliver Kalkofes „Mattscheibe“. Während andere darüber lachen, macht die Sendung Kalkofe selbst allerdings manchmal auch depressiv.

Johannes Gernert
Oliver Kalkofe Foto: dpa
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Am dritten Tag setze immer die Depression ein, sagt Oliver Kalkofe. Am ersten Tag lacht er mit seinem Regisseur noch sehr laut, wenn sie das Material für seine Sendung sichten. Am zweiten schon etwas weniger. Anschließend wird es zur Qual. Dann hält er den ganzen Unfug, den er auf Shopping-Kanälen, religiösen Spartensendern oder im Abendprogramm der Privaten gefunden hat, kaum noch aus. Dafür, dass das so ein schmerzvoller Prozess ist, macht Kalkofe seinen Job mit ziemlicher Ausdauer. Es werden bald 15 Jahre. Und immer noch leitet er diese Wiederaufbereitungsanlage für Fernsehsondermüll, die seinen Namen trägt: „Kalkofes Mattscheibe“. Ab Dienstag zeigt Pro 7 zwölf neue Folgen.

Am Grundprinzip hat sich nichts geändert. Er schaut in die Abgründe der deutschen Fernsehlandschaft und holt das Material hervor, das die Sender dort versenkt haben. Dann schlüpft er selbst in die Rollen der Protagonisten aus den Szenen, parodiert und kommentiert. Er sieht dabei reichlich verstrahlt aus, oft mit einem debilen Grinsen unter dem dicken Lippenstift oder der Glatzenmaske. Das bringt der Sondermüll so mit sich. In der aktuellen Staffel gibt es eine kurze Episode, die seine Grundhaltung verdeutlicht. Zunächst laufen einige Minuten „Big Brother“. Die Kandidaten müssen sich bei einem Quiz Eier an der Stirn aufschlagen, wenn sie die richtige Antwort wissen. Es sind sehr einfache Fragen, und sie wissen nicht sehr viele Antworten. Aber ihnen läuft trotzdem der Dotter übers Gesicht.

Es ist schon lange, bevor Kalkofe sich ins Bild schiebt, eine äußerst lächerliche Veranstaltung, aber er schafft es, als Kandidatenkopie noch fünf Mal so bescheuert auszusehen, und stellt sich schließlich aus dem Off selbst die Preisfrage: „Wer ist so doof, dass er sich für nichts und wieder nichts zum Vollidioten macht, nur um von tausenden anderen Vollidioten ausgelacht zu werden?“ Erschreckend viele. Kalkofe kann offenbar nicht aufhören, das zu dokumentieren. Er tut es, seit er 1994 bei Premiere mit der „Mattscheibe“ anfing. Er schimpft gegen diesen Zustand an, auch jetzt wieder. „Willkommen beim Themenabend Fremdschämen“, sagt er einmal. Das wäre eigentlich ein guter Untertitel für seine Sendung. Aus seinen ätzenden Zeilen blitzt manchmal etwas Wütendes, Aggressiv-Beleidigendes, wenn er den Ex-Boxer Axel Schulz spielt und vor sich hin berlinert: „Ich würde mich auch in der Häckselmaschine pürieren und auf ein Promi-Mettbrötchen schmieren lassen – natürlich nur, wenn irgendjemand filmt.“

Wenn er im legeren lila Polohemd in seinem Berliner „Gernsehclub“ steht, wo er mit den Kollegen Bastian Pastewka und Oliver Welke das gute alte Fernsehen zelebriert und seinem Preview-Publikum gerade die neuesten „Mattscheibe“-Folgen vorgeführt hat, dann wirkt er wesentlich sanfter. Er ist auch im Gespräch ein extrem freundlicher Typ. Nur an seiner tiefen TV-Enttäuschung ändert das nichts. „Kreative Querschnittslähmung“ hat er dem deutschen Fernsehen einmal im „Spiegel“ unterstellt. Und viele haben ihm damals beigepflichtet. Nun ist natürlich die Frage, warum er sich schon so lange damit begnügt, dem Gelähmten vor allem den Rollstuhl wegzuziehen.

„Ich ziehe ja nicht den Rollstuhl weg, um zu sagen: Haha, wie schön, dass ihr hingefallen seid. Es ist eher eine Aufforderung zum Selberlaufen“, sagt er da. Noch glaubt er an Heilungschancen. Man müsse dafür erst einmal auf diese Quotenhörigkeit verzichten, mehr wagen, eigene Ideen zulassen. Er arbeite auch gerade an einem neuen Projekt. Geheim bisher noch alles. Er will kein Spielverderber sein: „Ich bin ja nicht der, der sich hinstellt und sagt: Ihr seid alle scheiße. Erstens bin ich genauso angreifbar. Und zweitens ist die Mattscheibe auch eher dazu gedacht, wieder den eigenen Blick zu schärfen, was da an Irrsinn auf dem Bildschirm passiert.“ Er glaubt, dass man nicht einfach wegsehen darf. „Vielleicht wird es besser, wenn wir es ignorieren“, denkt er manchmal. Aber das habe noch keinen Kranken kuriert, einfach die Diagnose zu überhören.

Das Bizarre ist allerdings: Das kranke Fernsehen hört ihm durchaus recht aufgeschlossen zu. Bei Pro 7 versorgen sie ihn sogar mit den Bändern vom neuesten Unfug, „The Next Uri Geller“ etwa. Ändern tut sich damit nichts. Das ist das Frustrierende an seiner Situation: Er schlägt auf einen Gegner ein, der ihm gar nicht ausweichen kann, die Schläge allerdings wegen seiner Lähmung auch nicht wirklich spürt. Er sei da mittlerweile recht illusionslos, sagt Oliver Kalkofe. Er hofft höchstens, dass vielleicht noch ein paar mehr Zuschauer merken, was man eigentlich mit ihnen anstellt.

„Kalkofes Mattscheibe“, Pro 7, Dienstag, 23 Uhr 15

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