Medien : Kaminer im Computer

Nicht mehr für klobige Lesegeräte, sondern für Mini-PCs und Smartphones: Das E-Book kehrt zurück

Kurt Sagatz

Tim Renner, der ehemalige Chef von Universal Music, hat einmal gesagt, man dürfe das Feld nicht den Raubkopierern überlassen. Der Meinung ist auch Eckhard Kloos, kaufmännischer Leiter der Rowohlt-Verlage. Allerdings bezieht er Renners Erkenntnis nicht auf die digitale Musik, sondern aufs Buch, speziell deren elektronische Variante – das E-Book. „In Tauschbörsen wie Emule oder Kazaa finden Sie so gut wie jeden Bestseller als illegale Kopie“, weiß Kloos und beteiligt sich darum an einem gewagten Neuanfang: Das E-Book, einst euphorisch gefeiert, danach genauso vehement totgesagt, kehrt auf die Tagesordnung zurück. Am heutigen Montag, wenige Tage vor der Computermesse Cebit und eine Woche vor der Frühjahrs-Buchmesse in Leipzig, will der Internet-Buchhändler Libri.de das elektronische Lesen mit einer eigenen E-Book-Abteilung in seinem Online-Shop wieder in Mode bringen. Allerdings unter gänzlichen neuen Vorzeichen.

Seinen negativen Beigeschmack erhielt der Begriff E-Book, weil man zum Lesen spezielle und sehr teure Geräte benötigte. „Rocket eBook“ oder „GEB 2200“ hießen die Klötze, deren einziger Vorteil darin bestand, dass man je nach Speicherkapazität immer eine gute Auswahl an Romanen, Sachbüchern oder Lexika im Gepäck hätte haben können – wenn es sie denn in dieser Auswahl gegeben hätte. Wenn künftig von E-Book gesprochen wird, so wünscht es sich Nina Kreutzfeldt vom eBook-Verlag, dann geht es nicht mehr um die Hardware, sondern um die Inhalte, die Bücher. Denn von den Geräten gibt es bereits genug: „Sieben Millionen Deutsche tragen ständig einen Handheld-PC oder ein Smartphone mit sich herum. Die Lesegeräte sind also ohnehin vorhanden, wir bieten jetzt die Inhalte an“, beschreibt Kreutzfeldt die geänderte Ausgangssituation. Wir, das sind neben Libri und Kreutzfeld Electronic Publishing als technischem Partner eine große Zahl von Kooperationspartnern aus der Verlagswelt. Dazu gehören unter anderem: Brockhaus-Duden, Deutscher Ärzte-Verlag, Ernst Klett Sprachen, Gabal, Gabler, Mairs Geographischer Verlag und Rowohlt.

Zusammen haben sie es geschafft, zum Start eine stattliche Anzahl von Werken elektronisch aufzubereiten und über Libri.de und seine 1000 angeschlossenen Partnershops zur Verfügung zu stellen. Zur Cebit werden es rund 700 deutsche Ausgaben sein, ab April 1000 und dann immer weitere. Dazu gehören Lexika wie der Duden, Pons-Wörterbuch, Brockhaus, Fischer Weltalmanach, der Varta- Führer, der große Konz für Steuerfragen sowie diverse Marco-Polo-Reiseführer, aber auch ein Rock- und Pop-Lexikon und eines für Fußball. Auch Belletristik-Titel sind im Angebot: Elizabeth George, Wladimir Kaminer, Florian Illies und Frederick Forsyth gehören zu den Autoren. Noch größer ist allerdings das Angebot englischsprachiger Literatur. Insgesamt 19 000 vor allem in den USA publizierte Bücher sind im Angebot, davon viele von dem zu Bertelsmann gehörenden Verlagskonzern Random House, der in Amerika das E-Book-Geschäft maßgeblich vorangetrieben hat. Der Verlag bietet sein komplettes Sortiment an Erstpublikationen auch elektronisch an.

Einer der Hauptgründe für den Erfolg der E-Books in den USA ist der Preis. Dort kosten die Software-Bücher mitunter nur die Hälfte der gedruckten Ausgaben. Auch in Deutschland gilt für E-Books die Buchpreisbindung nicht. Das wissen auch andere Internet-Buchhändler wie Buecher.de/Booxtra. „Die Entwicklung ist durchaus interessant“, meint deren Programmbereichsleiter Peter Rhode. „Für uns ist das keine furchtbar dringende Angelegenheit. Sollte das E-Book-Geschäft gut anlaufen, kann ich mir aber vorstellen, dass wir ebenfalls einen Libri-E-Book- Shop in unsere Webseite einbinden.“ Gute Erfolgsaussichten sieht Rohde für Sachbücher, bei Romanen ist er skeptisch. „Wir sehen unseren Schwerpunkt darum in diesem Bereich eher bei Hörbüchern“, sagt er. Über die Kooperation mit dem Internet-Hörbuchsystem von Audible.de lassen sich auch bei den zur Holtzbrinck-Gruppe gehörenden Internet-Shops von Buecher.de und Booxtra diverse Hörbücher wie Mario Puzos „Omerta“ oder die „Starke Stimmen“- Reihe (Hannelore Hoger und andere), aber auch Sachbücher wie „Szenen, die Geschichte machten. PM Wissen zum Hören“ direkt per Internet auf den eigenen Computer laden. Von dort lassen sie sich auf einen mobilen MP3-Player, eine CD oder auch auf einen Handheld-PC für unterwegs transportieren.

Ob es in Deutschland ähnlich drastische Preisnachlässe für E-Books geben wird wie in den USA, steht noch nicht fest. „Auf einige, aber längst nicht auf alle Titel wird es Rabatte von 10 bis 20 Prozent geben“, sagt Nina Kreutzfeldt. Gleichwohl ist sie optimistisch: „Wir wollen in Deutschland ein Zehntel der US- Verkaufszahlen erreichen, dann sind wir fürs Erste zufrieden.“ In den USA ist die Zahl der verkauften Bücher im vierten Quartal 2004 auf 420 000 gestiegen, gegenüber dem Vorjahr ein Plus von 11 Prozent. Und was die US-Online-Buchhändler besonders erfreut. Es werden auch mehr teurere Titel gekauft, die Umsätze nahmen hier im gleichen Zeitraum um 25 Prozent auf 3,2 Millionen Dollar zu.

Mehr zum Thema:

www.libri.de, www.buecher.de, www.audible.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben