Medien : Kampf mit dem Nähkästchen

Sandra Maischberger will ihre 1000. n-tv-Sendung feiern – das spannendere Thema aber ist ihr ARD-Talk

Barbara Sichtermann

Es gibt einen großen Unterschied zwischen der Interviewsendung mit nur einem Gast, wie sie Sandra Maischbeger seit fünf Jahren bei n-tv macht, und der so genannten Runde, in der vier bis sechs Leute zusammensetzen – wie bei „Menschen bei Maischbeger“ dienstags im Ersten. Die Aufgaben der Moderation sind jeweils ganz andere. Eine Situation à deux interessiert nur dann, wenn zwischen den beiden eine intime Spannung entsteht, die nicht nur vom Konsens, die auch von der Differenz gehalten werden kann. Die zwei müssen was voneinander wollen, kämpferisch oder provozierend oder harmonisch. Das Minimum ist der Wunsch, einander besser kennen zu lernen, im besten Fall gehen sie ein paar Erkenntnisschritte gemeinsam.

Wenn ein erotischer Funken dazukommt, erhält die Situation eine zusätzliche Ladung, die die Atmosphäre erhitzt oder entspannt und in den Kontrahenten eine charakteristische Bereitschaft zum Lächeln weckt, darüber hinaus auch zum Bekennen von Details, die sonst unerwähnt blieben. Ein Meister dieser Art Intim-Talk war Biolek. Zwar hatte er auf seinem „Boulevard“ pro Abend meist vier Promis zu Besuch, aber er nahm sich einen nach dem anderen vor und zauberte eine Atmosphäre, in der die Gäste bereitwillig aus dem Nähkästchen plauderten. Heute variieren Kerner und Beckmann das Format; sie rücken ihren Gewährsleuten nicht so nah auf den Pelz wie Altmeister Bio, holen aber mit allerlei Augenzwinkern raus, was eben geht.

Wie anders dagegen die „Runden“, derzeit vorwiegend als Polit-Talk etabliert und von Christiansen und Illner moderiert. Hier ist Intimität nicht gefragt, allerdings auf Seiten der Moderation eine Fähigkeit zum Ausgleich, damit die den politischen Diskurs allfällig begleitende Aggressivität die Stimmung nicht verdirbt. Diese Fähigkeit besitzen Illner und Christiansen. Die Gäste dürfen davon ausgehen, dass sie sich ordentlich aus dem Fenster lehnen können, ohne rauszufallen. Als Ausgleichskünstlerinnen sorgen die Moderatorinnen für den Erfolg.

Und nun Sandra Maischberger, die am Montag auf n-tv mit der 1000.Sendung ein Jubiläum feiert. Sie passt in keines der beschriebenen Formate, sie hat deren Eigenheiten neu gemischt und hat mit dem, was dabei herausgekommen ist, einmal reüssiert und einmal eher nicht. Als Polit-Talkerin eben auf n-tv brillierte sie mit ihren Gästen im pas de deux – die Intimität der Zweisamkeit war und ist bei ihr dazu gut, die Weltlage zu erörtern, das Nähkästchen blieb geschlossen.

Diese Mischung hatte etwas sehr Besonderes, etwas Maischbergerisches und wurde preisgekrönt. Bis heute überzeugt die Journalistin durch ihr genaues Mitdenken in der Zweierbeziehung mit dem (meist prominenten, mit wichtigem Insiderwissen ausgestatteten) Gast. Ihre Runde im Ersten dagegen, in der zuerst à la Bio ein Gast nach dem anderen drankam, inzwischen aber à la Christiansen alle mitreden dürfen, kam nicht gut an. Die Quoten sind unbefriedigend, der Sendeplatz scheint nicht sicher. Die Nervösität ist groß, wie ein – nicht zustande gekommenes – Interview zeigt, bei dem Maischberger laut „F.A.S.“ nur über ihr Format bei n-tv, nicht aber über ihre Sendung im Ersten reden wollte.

Wie das alles kam? Die Mischung stimmte nicht. Hier sollte sich der Abstand, den die „Runde“ von der Moderation verlangt, mit der Nähe, die den privaten Themen geschuldet ist, verbinden, und diese chemische Reaktion erfolgte einfach nicht. Maischbergers Charme, hervorgelockt von der Neugier, die ein Gegenüber in ihr weckt, blieb am Dienstagabend im Ersten meistens ausgeknipst. Eher verdutzt lauschte die Moderatorin dem Geraune des Nähkästchens – ihr Interesse braucht einen allgemeineren Belang, um sich auf ihren Zügen zu malen. Das ist sympathisch, aber nicht günstig für den Soft-Talk.

Jetzt, wo sie eine Runde, die beispielsweise über das Alter (wie am vergangenen Dienstag) räsoniert, dirigieren muss, schlägt sie sich zwar wacker: „Herr Blüm, um Sie mache ich mir keine Sorgen, ich weiß auch nicht, warum“, aber die atmosphärische Verdichtung, die sie im Zweier-Talk erreichte, bleibt aus. Der Zuschauer macht sich Sorgen um Maischberger. Sie kann eine Menge, aber nicht so tun, als interessiere sie sich für Blüm privat. Was unbedingt für sie spricht. Aber auch gegen Soft-Talk mit Maischberger. Vielleicht wäre eine Kreuzung aus Soft-und Polittalk, wie sie sich in der Sendung über das Alter andeutete, am ehesten ihr Metier. Zeit sollte man ihr gönnen. Harald Schmidt, der auf ihren Sendeplatz drängt, gab man in seinen schwachen Anfängen einige Jahre.

„Maischberger“, n-tv, 17 Uhr 10

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