Medien : Kampf und Krampf

Die „Berliner Runde“ am Wahlabend: Ein Schröder gegen zwei Journalisten

Joachim Huber

Uih, die öffentlich-rechtlichen Chefredakteure waren aber richtig sauer. Nikolaus Brender vom ZDF und sein ARD-Kollege Hartmann von der Tann gaben in der „Berliner Runde“ dem Bundeskanzler Gerhard Schröder seinen Vorwurf von der „Medienmacht und Medienmanipulation“ mit aller Gewalt zurück. „Wir waren das nicht“, riefen Brender und von der Tann unisono aus. Was nach einer ziemlich hässlichen, adrenalingeladenen Podiumsdiskussion über die Macht (und Ohnmacht) der Medien an diesem Wahlabend aussah, fand dann – Gott sei Dank – noch zum Thema: Wer wird diese Republik regieren? Alles andere als dieser Wechsel in der Gesprächsführung, vom Journalisten-Duo mit großer Mühe bewerkstelligt, wäre ein Affront gegenüber den Zuschauern und Wählern gewesen. Brender und von der Tann hätten auf diese Eröffnung verzichten können, verzichten müssen. Wenn ein Wahlergebnis so kompliziert in seinen Konsequenzen ist, kann nur über das Generalthema diskutiert werden. Ein Eindruck musste sich beim Publikum verfestigen: Wen haben wir denn da gewählt? Politiker, deren Sorge dem Land gilt, oder Politiker, die nicht weiterwissen?

Überraschend war schon, dass der Bundeskanzler, der sich durch diese „Gerd-Show“ lächelte, seine Attacke aus der SPD-Parteizentrale in der „Berliner Runde“ wiederholte. Er dementierte in nie gekannter Deutlichkeit seine Rolle als viel gepriesener „Medienkanzler“. Ob er da wirklich richtig liegt? Er profitierte vom „TV-Duell“, er hat seinen Wahlkampf nicht nur durch die Republik absolviert, sondern zugleich durch die Sender dieser fernsehrepräsentativen Demokratie. Und Angela Merkel? Unglücklicher hat die Unionsherausforderin in den vergangenen Wochen nie dreingeblickt.

Die „Berliner Runde“ unterstrich dank der ruhigen Beiträge von Joschka Fischer (Bündnisgrüne), Guido Westerwelle (FDP) und Lothar Bisky (Die Linkspartei) den bestimmenden Eindruck des Fernsehabends: Die kleinen Parteien haben diese Wahl sehr viel deutlicher gewonnen als SPD und CDU. Was sich da als mögliche große Koalition anbot, bot vor dem Hintergrund des Personals und seiner Aussagen alles andere als ein überzeugendes Bild. Der Schluss war der Anfang. Brender an Schröder: „Sie haben uns hier nichts zu unterstellen.“ Wer war beleidigter und beleidigender: Schröder oder Brender/von der Tann? Der ARD-Chefredakteur jedenfalls wechselte von „Herrn Bundeskanzler“ zu „Herrn Schröder“. Drei „Elefanten“ trampelten durchs gläserne Fernsehstudio, da konnte Merkel wieder lächeln.

Die Sender neben den Platzhirschen ARD und ZDF haben sich gut gehalten. Die Dritten boten interessante regionale Resultate, RTL strahlte eine „Peter-Kloeppel-Show“ aus. Unterstützt von seinen Kollegen in Berlin, nahm der RTL-Anchorman die Wahl, ihre Darstellung und Interpretation, in die Hand. Im Studio „orgelte“ Kloeppel auf dem bildschirmgroßen Touchscreen, dass es nur so eine Art war. Während die öffentlich-rechtliche Konkurrenz eine Gesprächsrunde der Politikerinnen und Politiker nach der anderen vor Kamera und Mikrofon holte, hielt der RTL-Mann die Zahlen, Fakten und Personen eisern fest. Es wurde nicht nach allen Seiten und in alle Untiefen dieses Ergebnisse geschaut. Bei aller Unübersichtlichkeit des Wahlausgangs – die RTL-Sendung hatte ein Generaltenor.

Sat 1, und noch mehr der Nachrichtensender N 24 aus der gemeinsamen Senderfamilie der Pro 7 Sat 1 Media AG, setzte auf das Interpretatoren-Duo Claus Strunz (Chefredakteur der „Bild am Sonntag“) und Publizist Michel Friedman. Die standen auf dem Dach des Reichstages und machten ihre „Waldorf & Stadler“-Show, besser bekannt als die „Muppet-Show“: Frech, frei in der fröhlichen Spekulation und reichlich arrogant gegenüber dem politischen Personal. Was dem Privatfernsehen an dieser Stelle aufgeschrieben werden muss: Es ist ein Unding, dass ein Sender wie Sat 1 sich so früh aus der Wahlberichterstattung hin zum dauerhechelnden „Kommissar Rex“ verabschiedet. Natürlich, das ist kein „Unterschichtenfernsehen“, jedoch ein Fernsehen fern von jeder Ernsthaftigkeit in der Programmführung.

Um 19 Uhr 48 konnte endlich auch einmal gelacht werden. Hape Kerkeling lief als stellvertretender Chefredakteur Horst Schlemmer („Grevenbroicher Tagblatt“) durch ein Wahllokal in Berlin und durch die RTL-Wahlparty. Unsinnsfragen wie „Sind Sie dafür, die Steuer auf den Spitzensteuersatz zu erhöhen?“ zuhauf, aber eben nicht ganz blöd. Da waren Momente der Entspannung an diesem so spannenden, hektischen Abend.

Die ausländischen Newssender BBC und CNN lohnten das Zappen. Der Blick von außen unterstrich die (globale) Ratlosigkeit, wohin sich Republik entwickeln werde. Oder wie es Michael Kerres, Korrespondent des „NRC Handelsblads“, beim MDR sagte: „Deutschland hat zwei Bundeskanzler gewählt.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben