KANZLER-BILD : Drei Haltungen

„Der Kämpfer“, ein Helmut-Kohl-Porträt im Ersten

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Helmut Kohl, 2006. Foto: dpadpa-Zentralbild

In den immer hektischeren Zeitläuften wirkt diese Zahl schier unglaublich. 16 Jahre lang, von 1982 bis 1998, war Helmut Kohl Bundeskanzler. Wer so lange regiert hat, der hat eine Ära ausgebildet. Wer so lange vom Mann aus der Pfalz regiert wurde, der hat eine Haltung, auf jeden Fall eine Meinung zu diesem CDU-Politiker. „Der Kämpfer – Helmut Kohl im Rückblick“ macht sich das zunutze. Der Film, den die ARD heute, also kurz vor Kohls 80. Geburtstag am 3. April im Programm hat, bewertet die politische Lebensleistung des Altkanzlers, aus der Sicht von prominenten Politikern, Weggefährten, Meinungsmachern.

Sein Vorgänger, Altkanzler Helmut Schmidt (SPD), bekennt zu Kohls Kanzlerschaft: „’89 – das war eine Glanzleistung“. Schmidt sagt aber auch, dass sein Nachfolger auf dem Felde der Finanzen kein guter Politiker gewesen sei.

In dem Film von Ina-Gabriele Barich und Klaus Weidmann bleibt es nicht bei dieser distanzierten Tonlage. Und doch: Helmut Kohl wird eher mit (vorsichtigem) Respekt als mit Sympathie, mit Wärme begegnet. Für Kohl am deutlichsten spricht der letzte Machthaber der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, dem Kohl die deutsche Wiedervereinigung abrang („Er zeigte mir, dass auch die Deutschen eine Seele haben, nicht nur die Russen“).

Vielleicht sind es drei Haltungen, die sich in den vielen Äußerungen zeigen. Da ist die Verehrung für den „Kanzler der Einheit“, für den robusten Kämpfer gegen jedweden Widersacher. Da ist Versöhnung, wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Blick auf die Spendenaffäre 1999/2000, die die CDU in eine schwere Krise stürzte, sagt, ihre Partei könne mit dieser schwierigen Phase gut umgehen „und trotzdem wieder ein gutes Verhältnis zu Helmut Kohl haben“. Kohl hat bis heute die Namen der Spender für die inoffizielle Parteikasse nicht genannt und sich damit über das Gesetz gestellt. Er musste den CDU-Ehrenvorsitz niederlegen, was er als schlimme Kränkung erlebt haben muss. Er war es doch, der CDU-Politiker wie Angela Merkel erst „gemacht“ hat.

Die Stärke des Films sind seine Gesprächspartner, in seiner Dramaturgie ist er chronologisch, vornehmlich am Politiker und nur sporadisch am Privatmenschen Kohl interessiert. Zwischentakte einer Selbstbewertung von Kohl durch Kohl gibt es nicht. Aufhorchen lässt die im Film mitschwingende Entwicklung. In seiner Anfangszeit gesehen als „junger Wilder“, ja als Liberaler, scheint Kohl in den Jahren seiner Kanzlerschaft, in den Höhen und Tiefen immer stärker eine innere Majestät, ja Selbstgefälligkeit herausgebildet zu haben. Sein Biograf Gerd Langguth sagt: „Je älter er wurde, umso unzugänglicher wurde er.“ Und da klingt die dritte Haltung zu Kohl an – Verbitterung. Es berührt, wie Wolfgang Schäuble um Worte ringt und Rita Süssmuth noch immer auf ein klärendes Gespräch Kohls mit seinen Parteikritikern hofft.

Helmut Kohl ist schwer krank, kaum sprechen kann er. Der Film will es so nicht gewollt haben, doch an vielen Stellen wirken die 45 Minuten wie ein vorgezogener Nachruf. Joachim Huber

„Der Kämpfer – Helmut Kohl im Rückblick“, 21 Uhr, ARD

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