Medien : Kanzler, Kinder und Kabinen

Fußballerfrau zu sein, ist kein Zuckerschlecken – und: Was das Fernsehjahr 2005 sonst noch alles zu bieten hat

Annika Müller Markus Ehrenberg

„Voll daneben!“ „Unverschämtheit!“ „Die haben ja wohl nen Hau!“ „Verdammter Programmplaner!“ Stimmen aus diversen Internetforen zum Thema Fernsehen. Über das TV-Programm genervt sein, liegt im Trend – das Weihnachtsprogramm war eines der schlechtesten der vergangenen zehn Jahre. Überhaupt: 2004 war das Jahr der TV-Flopps. Viele neue Sendungen mussten rasch wieder vom Bildschirm verschwinden wie „Hire or fire“ oder „Anke Late Night“. Im Wettbewerb der Sender nimmt die Risikobereitschaft ab, sagen Medienwissenschaftler. Reality, Supermamas, Quizshows, Telenovela, Türken-Comedy – die Programme werden immer stärker angeglichen, ob bei den Privaten oder öffentlich-rechtlich, bis zum Formatklau. Ob 2005 alles besser wird? Ein Jahr ohne Olympische Spiele und Fußball-EM. Mit diesen Zuschauermagneten hat die ARD 2004 nach Jahren wieder Marktführer vor RTL werden können. Nun gibt es keinen ganz großen Sport, dafür reihen sich Gedenktage. Einstein, Schiller, 8. Mai … Mal sehen, was das Erste daraus macht – und wie der neue RTL-Chef Marc Conrad mit der Situation umgeht.

FICTION & IRGENDWIE FUSSBALL

Conrad ist seit Anfang November im Amt. Eine seiner ersten Entscheidungen: weg mit „Beauty Queen“. Eine Fortsetzung der unfreiwilligen Comedy über vergrößerte Brüste und geglättete Falten wird es nicht geben. Schönheitsfilmeshows sind eh out. Ausnahme: die US-Serie „Nip/Tuck“ (Pro 7). Daher hat sich die Abteilung Eigenformate bei RTL mal generell Gedanken gemacht. Was geht eigentlich noch? Was läuft? Fußball? Sex? Fußball/Sex? Fußball und Sex!! Herausgekommen ist die Serie „Ballgefühl“ (im Frühjahr), ein „Blick hinter die Kulissen des Fußballgeschäfts“. Vielversprechender Auszug aus dem Presseheft: „Fußballerfrau zu sein, ist nicht nur Zuckerschlecken. In jeder Disco lauern Konkurrentinnen.“ Es spielen nicht mit: Oliver Kahn, dafür Ben Tewaag, Mathieu Carrière und Schalke-Profi Ailton in einer Gastrolle. Das könnte der lustigste Film des Jahres werden. Oder der größte Flopp. Ansonsten setzen die Sender eher auf Bewährtes. „Der Bulle von Tölz“ , 600. ARD- „Tatort“ oder der neue Dieter Wedel „Mama und Papa“ (Ende 2005, ZDF). Abschied nehmen heißt es von „Berlin, Berlin“ (ab 8. März, ARD), „Edel & Starck“ (ab 17. 1., Sat1) und „Friends“ (Frühjahr, Pro 7). Bei der grandiosen Bestattungsserie „Six feet under“ (Vox) ist nach dem Ende der laufenden Staffel Pause. Und leider sollen, was man aus den USA hört, die Staffeln IV und V lange nicht mehr so gut sein. Das neue Serien-Ding ist deshalb: Telenovela! Herzschmerz! Nach dem Quoten-Erfolg der täglichen ZDF-„Bianca“ zieht Sat1 im Februar mit „Verliebt in Berlin“ nach. Andere folgen.

HISTORY & 8.MAI

Schiller , Einstein , 60 Jahre Kriegsende – das Jahr kommt aus dem Gedenken nicht heraus. Höhepunkt: die TV-Premiere des Kino-Epos „Der Untergang“ (im Herbst, ARD). Die quotenträchtige Liaison Drittes Reich & Medien geht überall weiter. Dabei eine Rudolf-Hess-Dok u, ein Film über die „Gestapo – Deutsche Polizei im Weltanschauungskrieg“ , „Speer und Er “, ein Doku-Drama von Horst Königstein und Heinrich Breloer (alle Filme im zweiten Quartal, ARD), diverse Dokus zum 60. Jahrestag der Bombardierung von Dresden am 6. Februar (ein großer Sat-1-Film ist in Vorbereitung) und Filmreihen zur Befreiung des KZ Auschwitz (ab 16.Januar, ARD). Fragt sich bloß: Was machen die Doku-Abteilungen der Sender, wenn das Thema durch ist? Was dreht ZDF-Haushistoriker Guido Knopp? Vermutlich Knopp-frei sind eine Schiller-Nacht im Mai (ARD) und der Zweiteiler „Einsteins Erben“ (ZDF) Ende Februar.

UNTERHALTUNG & BABYS

„Die 10…“ , eine Show-Reihe mit Sonja Zietlow (RTL, ab 26. Januar), Blockbuster-Premieren (u.a. „Star Wars : Episode II“ und „Spider Man“ im Frühjahr auf Pro 7) und immer mehr Trash-TV – das Privatfernsehen treibt bizarre Blüten. Doku-Soaps als Lebensratgeber. Das Trendthema: Kindererziehung. Eine weitere RTL- „Super Nanny“ ist in Vorbereitung. Dazu ab Anfang Januar „Die Supermamas“ und die Doku-Soap „Mama Mia – Die ersten Babyjahre“ auf RTL2, pädagogisch unterstützt von „Schwer in Ordnung, Kinder specken ab“ (Vox, ab 11. Januar). Man ahnt es: Mit der Geburt eines Kindes beginnt ein jahrelanges Abenteuer. Und – trotz gegenteiliger Prognosen – ein großer TV-Trend. Der Reality-Boom geht weiter, ein Segen für RTLSat1 & Co. Auch die gute, alte Comedy ist nicht totzukriegen, bei RTL mit „Hella und Dirk“ , im Dritten ab 20.Februar mit „Dittsche“ . Sat1 bringt die Türken-Trend-Sitcom „Der König von Kreuzberg“ und Anke Engelke als „Ladykracher“ zurück. Hoffentlich hat Sat1-Chef Schawinski damit mehr Glück als 2004. Nie mehr zurück sollen die Bewohner im „Big-Brother“-Container. Sie dürfen ein Leben lang vor Kameras. „Big Brother for ever“ starte möglicherweise 2005, droht ein RTL-2-Sprecher.

TALK & GERICHTE

Neue Talkformate sind rar. Thomas Gottschalk versucht sich im Juni noch mal late night, als Kerner-Ersatz, die ARD an einem „NachTisch“ (ab März, Montags bis Freitag, 14 Uhr 10). Die Moderatoren sollten sich dabei nicht all zu sehr festlegen. Siehe „Schreinemakers“ – einer der Talk-Flopps 2004. Mindestens ein halbes Dutzend Gerichtsserien laufen nachmittags konkurrierend bei den Privaten. Vorschlag an die ARD: lieber eine kleine, billige Telenovela produzieren. Keinen Talk. „Fliege“ reicht.

WAS SONST NOCH HOFFEN LÄSST

Das TV-Jahr 2005 ist höhepunktmäßig irgendwie – dazwischen (zwischen Fußball-EM und WM). Den Machern fehlt der Mut. Warum kommt aus Deutschland nicht mal so etwas Neues, Frisches, Nicht-für-dumm-Verkaufendes wie „Six feet under“? Bleibt zu hoffen, dass Fernsehen doch noch öfters mal ein Medium des Nachdenkens, der Überraschung ist. Dafür könnten sorgen: „Harald Schmidt“ ab 19. Januar (ARD), der dänische Krimi „Der Adler“ (ZDF, ab heute) oder auch der Zwölfteiler „Das Kanzleramt“ (ZDF, ab 9. März) nach einem Buch von Martin E. Süskind. Und Günter Netzer, mittendrin im Fernsehjahr, wenn es – neben der Champions League mit drei deutschen Mannschaften auf Sat1 – etwas größeren Fußball gibt. Im Juni wird der „Confederation Cup“ gespielt. Auch für ARD (und ZDF) eine Generalprobe für die WM 2006 – und die Chance, Ende dieses Jahres Marktführer zu sein.

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