Medien : Karnefall

Wider das tierische Programm: Die TV-Zuschauer halten sich zurück mit Helau, Alaaf und Ahoi

Joachim Huber/Marc Felix Serrao

Der Karneval feiert sich von Jahr zu Jahr tiefer in die Krise. Damit ist nicht der einzelne Helau-Jeck gemeint, sondern der Fernseh-Karneval. Dieses Programm, von den öffentlich-rechtlichen Sendern gehegt und gepflegt, verliert insgesamt deutlich an Zuspruch.

So auch im Programm der ARD: Das Erste zeigte in diesem Jahr vier Karnevalssendungen: „Wider den tierischen Ernst“ (3. Februar), „Fasnacht an Neckar, Rhein und Bodensee“ (12. 2.), „Düsseldorf Helau“ (14.2.) und am vergangenen Freitag „Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht“. Alle vier Frohsinns-Nummern wurden auch in den Jahren zuvor gesendet. Den stärksten Einbruch erlitt dabei der von Querelen und Sponsoren-Abgängen zerbeulte „Orden wider den tierischen Ernst“; waren es 2005 noch 5,73 Millionen ARD-Zuschauer, so ist die Quote in diesem Jahr laut ARD-Medienforschung auf den historischen Tiefststand von 4,16 Millionen gefallen. Bei der „Fasnacht an Neckar, Rhein und Bodensee“ sank der Zuspruch von 5,26 Millionen (2005) auf aktuell 4,37 Millionen. „Düsseldorf Helau“, 2005 noch von 4,78 Millionen im Ersten eingeschaltet, erreichte jetzt 4,51 Millionen. „Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht“, der Klassiker unter den Pappnasen-Beiträgen und abwechselnd von ARD und ZDF ausgestrahlt, fesselte 2005 im Ersten 7,93 Millionen, 2006 im Zweiten 6,86 Millionen und am Freitag in der ARD 7,16 Millionen. Der Abwärtstrend dieser Sendung wurde zwar gestoppt, doch insgesamt lässt die Zugkraft von Helau, Alaaf und Ahoi dennoch nach.

Ein anderer Trend dagegen ist stabil. Die Nutzung der Karnevalssendungen ist regional sehr unterschiedlich. Zum Beispiel der „Orden wider den tierischen Ernst“ in Aachen: Bundesweit erzielte die ARD-Übertragung 2007 einen Marktanteil von 13,8 Prozent, in Nordrhein-Westfalen waren es dabei 18,8 Prozent, in Mecklenburg-Vorpommern gerade mal 5,3 Prozent. Das Nord-Süd-Gefälle im Fernsehfrohsinn existiert, und die regionale Hochburg präferiert die regionale Fernsehsitzung. Beispiel „Fasnacht an Neckar, Rhein und Bodensee“: Der Bundesdurchschnitt von 13 Prozent wird in Baden-Württemberg mit 20,8 Prozent, Rheinland-Pfalz (18,3 Prozent) und Saarland (21,8 Prozent) klar überholt, doch schon in NRW (11,2 Prozent) unterschritten. Die größten TV-Karnevalsmuffel leben in Mecklenburg-Vorpommern und in Sachsen-Anhalt.

Ebenso wie bei der ARD sieht die Quotenentwicklung auch beim ZDF uneinheitlich aus. Stetig abgerutscht in der Zuschauergunst ist die Sendung „Typisch Kölsch“. 2005 sahen 5,76 Millionen Zuschauer zu, 2006 dann 5,69 Millionen und am vergangenen Dienstag nur noch 5,13 Millionen. Dagegen blieb „Mer losse d’r Dom in Kölle“ quotenmäßig stabil: von 5,45 Millionen Zuschauer (2005), über 5,28 Millionen (2006) auf wieder 5,42 Millionen Zuschauer am vergangenen Donnerstag. Das in diesem Jahr beliebteste ZDF-Primetime-Geschunkel „Karnevalissimo“ konnte sich im Zeitverlauf sogar steigern, auf zuletzt 6,80 Millionen Zuschauer (2006: 6,71 Millionen, 2005: 6,00 Millionen).

Die Zahlen deuten darauf, dass das Zweite Deutsche Fernsehen das zugkräftigere Karnevalsrezept hat. Laut ZDF-Planungschef Martin Berthoud hat der Mainzer Sender grundsätzlich entschieden, pro Jahr rund vier bis fünf Karnevalssendungen im Programm zu haben. Deren Termine sind entsprechend der „Akzeptanzerfahrungen“ jedes Jahr gleich: zwei bis zweieinhalb Wochen vor Rosenmontag.

Zum Schluss noch eine jecke Gemeinsamkeit: Bei ARD wie ZDF wird Karnevals-TV hauptsächlich von älteren Zuschauern und mehr Frauen als Männern gesehen. Damit bilden die Zuschauer einen perfekten Kontrast zum Personal: Die Reden halten meist ältere Herren, meist junge Damen lassen die Beine hochfliegen.

„Rosenmontagszug“, 12 Uhr 15, ARD

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