Medien : Katharine Graham ist tot: Die Frau, die Richard Nixon stürzte

Ben Neukirch

Sie trieb den Präsidenten zu Wutanfällen - und schließlich zum Abgang. Katharine Graham, Herausgeberin der "Washington Post", erwarb sich im Konflikt mit Richard Nixon den Ruf einer "Eisernen Lady" des US-Journalismus. Dem enormen Druck aus dem Weißen Haus hielt sie stand. Mit ihrer Rückendeckung enthüllten die Reporter Carl Bernstein und Bob Woodward den Watergate-Skandal, der 1974 zum Rücktritt Nixons führte.

Katharine Graham ist am Montag im Alter von 84 Jahren in einem Krankenhaus in Idaho an den Folgen eines Sturzes gestorben. Ihr eiserner Wille war Legende, ihr politischer Einfluss enorm. Nach Watergate galt sie lange als die mächtigste Frau der Vereinigten Staaten. Die politische Elite gab sich in ihrem Haus im Washingtoner Nobelviertel Georgetown die Klinke in die Hand - erst vor wenigen Monaten erwies auch George W. Bush seine Reverenz.

Für viele Frauen in den USA wurde Graham zum Vorbild, weil sie es geschafft hatte, Heim und Herd hinter sich zu lassen und sich in der harten Männerwelt der Presse und des Big Business durchzusetzen. Es gelang ihr nicht nur, die "Washington Post" von einer eher biederen Lokalzeitung in eine Speerspitze des investigativen Journalismus umzuformen. Unter ihrer Führung wandelte sich das Unternehmen auch in einen modernen Medienkonzern, der heute nicht nur mehrere Zeitungen, sondern auch sechs Fernsehstationen in großen US-Städten besitzt und im Kabel-TV- sowie im Internet-Geschäft aktiv ist.

Trotz ihres Erfolges war Katharine Graham eine bescheidene Frau. "Du erbst etwas, und du tust, was Du kannst", sagte sie über ihre Rolle bei der "Post", die sie 1963 von ihrem verstorbenen Mann übernommen hatte. Als Katharine Graham an die Spitze des Unternehmens trat, war ihre journalistische Erfahrung gering, unternehmerische Erfahrung nicht vorhanden.

Ihr Vater Eugene Meyer, ein wohlhabender Geschäftsmann und später erster Direktor der Weltbank, hatte die "Post" 1933 gekauft. Er schenkte seiner Tochter nichts. Katharine Graham begann als Lokalreporterin in San Francisco, wo sie vor allem über Gewerkschaftsthemen schrieb - für 24 Dollar die Woche. Mit 21 kam sie zur "Post" nach Washington, um Leserbriefe zu redigieren. Nach ihrer Heirat mit dem Anwalt Philipp Graham gab sie den Journalismus auf und widmete sich der Erziehung der vier Kinder. Ihr Mann leitete von 1948 an die "Washington Post".

Der Bruch in Katharine Grahams Leben kam 1963, als ihr seit Jahren unter Depressionen leidender Ehemann sich das Leben nahm. Sie zögerte nicht lange und trat seine Nachfolge an der Spitze der Post Company an, die neben der "Washington Post" auch das Magazin "Newsweek" herausgab. Im Rückblick beschrieb Graham ihre große Nervosität, als sie in der Männerwelt des Journalismus die Zügel in die Hand nehmen musste. Ihre Schüchternheit überwand sie rasch.

1971 stand Katharine Graham vor ihrer ersten politisch hochbrisanten Entscheidung, als es darum ging, ob die "Post" ebenso wie die "New York Times" die "Pentagon-Papiere" herausgeben sollte, geheime Dokumente über die Rolle der USA in Vietnam. Trotz des finanziellen Risikos - der "Post" drohte bei einer Verurteilung wegen Verstoßes gegen die Spionagegesetze der Verlust von zwei TV-Lizenzen - schritt Graham zur Tat. "Macht voran, macht voran, macht voran. Vorwärts. Lasst uns veröffentlichen", lautete ihre legendäre Entscheidung. "Post" und "Times" gewannen den Fall vor dem Obersten Gericht.

Trotz wüster Drohungen aus dem Weißen Haus trieb Graham auch bei der Aufdeckung des Watergate-Skandals ihre Redaktion an. "Als ich mich einmal im tiefsten Wasser mitten im Strom befand, gab es kein Zurück mehr", sagte sie. Die jungen Reporter Bernstein und Woodward legten die Verwicklung des Weißen Hauses in den Einbruch in die Wahlkampfzentrale der oppositionellen Demokraten offen - Nixon musste gehen, Graham stieg zum Gipfel des Ruhms auf.

1993 gab Katharine Graham die Leitung des Unternehmens an ihren Sohn Donald ab. Danach arbeitete sie an ihrer Autobiografie "Personal History" (Titel der deutschen Ausgabe: "Wir drucken!"), für die sie 1998 den renommierten Pulitzer-Preis erhielt.

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