Katholischer Soziologe Sellmann : "Ich freue mich schon auf die Hologramm-Technologie"

Der katholische Soziologe Matthias Sellmann über die Segensübertragung im Web und andere Herausforderungen, der sich die Kirche stellen muss.

Matthias Sellmann ist Professor für katholische Pastoraltheologie an der Ruhr Universität Bochum.
Matthias Sellmann ist Professor für katholische Pastoraltheologie an der Ruhr Universität Bochum.Foto: promo

Was treibt die Kirche ins Web 2.0?

In sozialen Netzwerken reflektieren Menschen ihr Leben. Darum ist es Aufgabe der Kirche, dass dabei auch die Rede von Gott ist. Die Kunst ist es, im Web so von Gott zu sprechen, dass die Nutzer Lust haben, am Thema dranzubleiben. Die Frage, die sich also für die Kirche im Netz stellt: Wo treten dort Interessen religiöser Art auf, so dass sie sich einbringen kann?

Sie kündigen Ihre Vorlesungen in Videos auf Youtube an. Ihr Lehrstuhl hat eine Facebook-Seite und in Ihren Vorlesungen werben Sie für eine aktive Kirche im Netz. Was spricht dafür?

Soziale Netzwerke bieten sich als Plattform für neue Formen der Glaubenskommunikation geradezu an. Die klassische Predigt im Gottesdienst ist zwar sinnvoll, aber auch eine Art kommunikative Einbahnstraße. Soziale Netzwerke bieten jetzt eine Mehrwegkommunikation – also die Möglichkeit, sich auszutauschen und das Gesagte kommentieren zu lassen. So lernt Kirche die Botschaft neu, die sie zu überbringen hat. Zudem haben soziale Netzwerke den Effekt, dass die Rede von Gott personalisiert erfolgen muss. Kirchenleute sind im Netz nicht in erster Linie als Funktionsträger erfolgreich, sondern als Menschen, die an etwas Großes und Wichtiges glauben. Das ist eine Herausforderung, aber auch eine Gelegenheit, weil sich die Kirche in neuer und unmittelbarer Weise den Reaktionen aussetzt, die ihre Botschaft auslöst.

Wie erleben Sie die kirchlichen Angebote im Web – sind sie aus Ihrer Sicht professionell gemacht oder sehen Sie Optimierungsbedarf?

Es gibt tolle Präsenzen, aber es ist auch sehr viel Luft nach oben. Wer die Webauftritte der Kirchen mit denen von großen Markennamen oder Institutionen vergleicht, merkt, dass hier noch viel kommunikatives Potenzial läge. Wir könnten, nur so als Beispiel, in großem Stil eigene Applikationen kreieren, professionelle Glaubens-Blogger einstellen oder Talentsichtungen auf Youtube betreiben.

Aktivitäten in sozialen Netzwerken sollen das Bild der Kirche zum Positiven verändern. Doch gibt es bisher wenige breitenwirksame Auftritte. Woran liegt das?

Das Problem und gleichzeitig auch Stärke der kirchlichen Kommunikation ist ihre filialisierte Grundstruktur. Die einzelnen Bistümer sind in ihrer Kommunikation unabhängig und betonen das auch. Gleichzeitig drängt die Dynamik der Mediengesellschaft dazu, nach außen ein Gesicht und eine Stimme zu zeigen – zumindest, was die bistumsübergreifenden Themen angeht. Dieses Problem haben große Firmen hingegen nicht. Ein Problem, das sich durch Anwendungen, durch soziale Netzwerke, iTunes oder die Google-Stichwortsuche noch verschärft. Denn das Netz kennt keine Bistumsgrenzen.

Wenn auch die Zentralisierung fehlt, das Angebot wächst. Zugespitzt ausgedrückt: Wird die Zukunft der Kirche vom Web 2.0 bestimmt werden?

Ich bin überzeugt, dass sich viele Menschen positiv durch religiöse und spirituelle Web-Angebote inspirieren lassen. Man kann vor allem mobile und urbane Lebensstile passender und komfortabler erreichen. Man kann im Zug eine App der Deutschen Bischofskonferenz aufzurufen, die hilft, ins Beten zu kommen. Auch das Angebot der Internetseelsorge bietet enorme Möglichkeiten, etwa jetzt, wenn sich an Weihnachten viele Menschen ihrer Einsamkeit bewusst werden.

Wäre dann nicht auch denkbar, zukünftig die Beichte im Netz abzulegen?

Die neuen Möglichkeiten der Bildschirmtelefonie stellen auch für die Sakramentenpastoral eine neue Herausforderung dar. Die generelle Möglichkeit einer Segensübertragung per TV kennen wir ja schon, etwa durch Fernsehgottesdienste oder den jährlichen Segen des Papstes ‚Urbi et orbi‘. Hier muss man gut überlegen, wie sich die Weisheit der überkommenen Sakramententheologie auch durch die neuen technischen Möglichkeiten ausdrücken kann. Wie wird es erst werden, wenn die Hologramm-Technologie unser Standard wird und wir uns im virtuellen Raum in dreidimensionaler Wirkung begegnen? Ich freue mich schon auf diese neuen Chancen der Kommunikation über den Glauben.

Das Gespräch führte Hadija Haruna.

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