Katie Davis im Interview : App-Soziologin Katie Davis: „Die Kreativität leidet“

Die Applikationen für Smartphones und Tablets prägen den Alltag. Ein Gespräch mit der App-Soziologin Katie Davis über diesen Algorithmus fürs Leben, über den sozialen Druck - und die Belohnungen durch die Technologie.

von und
Katy Davis
Katy DavisFoto. Promo

Frau Davis, wie viele Apps haben Sie auf Ihrem Handy?

Ziemlich viele, sortiert in Kategorien wie Reisen, Shopping, Nachrichten. Insgesamt sind es um die 50, schätze ich.

Gehören Sie damit selbst zur „Generation App“, die Sie zusammen mit Howard Gardner erforschen und in Ihrem gleichnamigen Buch beschreiben?

Ja, auf eine gewisse Weise schon. Der große Unterschied aber ist, dass wir eine Welt ohne Apps noch kennen – im Gegensatz zur „Generation App“, den heutigen Teens und Twens. Für sie ist die algorithmische Art des Denkens über Apps Alltag: Wenn ich dies eintippe, bekomme ich das heraus – und zwar sofort. Dadurch bewegen sie sich in einer Welt, in der es quasi keine Unsicherheiten mehr gibt.

Aber zum Teenagersein gehören immer Unsicherheiten dazu. Das ändert sich nicht durch Apps.

Nein, es geht aber um die Erfahrungen, die sie machen und die ihre Identität mitprägen. Um es an einem Beispiel zu verdeutlichen: Meine 16-jährige Schwester kann sich nicht daran erinnern, sich jemals verlaufen zu haben – eben, weil sie immer ihr Smartphone mit Google-Maps dabei hat. Ich dagegen kann mich sehr gut an die Panik erinnern, wenn man sich plötzlich verlaufen hat, daran, sich auf seinen Instinkt zu verlassen und das gute Gefühl, seinen Weg wieder zu finden. Solche Erfahrungen machen einen Menschen auch stark.

Glauben Sie deshalb, dass Ihre Schwester nicht so gut durchs Leben kommen wird wie Sie?

Nein, sicher nicht. Und es geht auch nicht darum, Apps zu verteufeln. Vielleicht fehlt der Generation meiner Schwester aber eine Art von Belastbarkeit, die wir uns selbst aneignen mussten. Auch der Film „Her“ hat sie sehr mitgenommen

…der Film von Spike Jonze von 2013, in dem sich Joaquín Phoenix in ein Betriebssystem namens Samantha verliebt.

Der Film beschreibt sehr gut die Welt, in der die heutige Teenie-Generation aufwächst. Sie sind per Smartphone und Computer immer verbunden mit der Welt und ihren Freunden, aber trotzdem oft alleine. Das können wir ja auch an uns selbst beobachten: Statt unserem Gegenüber in die Augen zu sehen, schauen wir oft aufs Smartphone oder verspüren zumindest den Drang dazu. Soziale Beziehungen werden in der digitalen Welt ausgelagert.

Nicht besonders sozial

Aber ist die „Generation App“ nicht gerade besonders sozial? Schließlich gehört WhatsApp zu den meistgenutzten Anwendungen auf den mobilen Geräten.

Tatsächlich nutzen Kinder und Jugendliche ihre Handys und Netzwerke wie Facebook nicht als Ersatz für Offline-Beziehungen, sondern als Hilfe, um in Verbindung zu bleiben. Gleichzeitig aber fühlen sie sich in viele verschiedene Richtungen gezerrt. Es ist schwer für sie, sich auf wenige, aber tiefe Freundschaften zu fokussieren. Auch Mobbing spielt in ihrer Generation eine große Rolle.

Kein neues Phänomen.

Nein, aber die Intensität, mit der Kinder Mobbing heute ausgesetzt sind, ist eine ganz andere. Wenn über die Apps gemobbt wird, bekommen viele Eltern das auch gar nicht mit und können nicht helfend eingreifen. Besonders populär ist in den USA gerade die App „YikYak“, die wie ein anonymes schwarzes Brett funktioniert. Die eignet sich sehr gut zum Anschwärzen und Mobben.

Müssen Kinder und Jugendliche besser trainiert werden im Umgang mit Apps?

Ich weiß nicht, ob es in Deutschland ähnlich ist wie bei uns in den USA: In den Schulen werden immer häufiger iPads und App-Programme eingesetzt – und das macht mich zunehmend nervös.

Warum denn das?

Sicher sind Apps der leichteste Weg, um Kinder an die neuen Technologien heranzuführen. Aber Lehrer sollten sich bei der Auswahl doch mehr anstrengen. Viele der Apps sind sehr restriktiv aufgebaut: Die Kinder müssen die richtige Antwort anklicken und bekommen dafür einen Punkt. So werden sie aber sicher nicht darin bestärkt, nach eigenen Lösungswegen zu suchen.

Apps schränken Nutzer in ihrem Denken ein?

Ja, denn was als eine Antwort herauskommt, basiert auf einem spezifischen Algorithmus, den ein Programmierer für ein Unternehmen wie beispielsweise Google entwickelt hat. Als Nutzer bewegt man sich deshalb in den Grenzen dieses Algorithmus und begrenzt sich damit selbst. Sicher bietet das Netz heute die Chance, sich weltweit inspirieren zu lassen, sich einem Publikum weltweit mitzuteilen. Aber gleichermaßen wird durch Apps die Kreativität eben eingeschränkt.

Dabei suggeriert doch das Netz, dass heute jeder zum Star werden kann.

Das ist aber nicht allein durch digitale Medien, sondern durch die Massenmedien insgesamt bedingt. Die Idee, eine Twitter- oder Instagram-Berühmtheit werden zu können, befeuert ein Verhalten der Selbstinszenierung. Vor allem Kindern, die eher selbstbezogen sind, denken: Oh, ich kann genau wie Justin Bieber auf Youtube entdeckt werden.

Wie aber beeinflusst ein solches Denken die „Generation App“?

Früher war die Welt viel kleiner. Um sich zu orientieren, hat man geschaut, was der Nachbar so macht. Heute nutzen wir mithilfe des Netzes die ganze Welt als Kompass dafür, wie man sein Leben leben kann und will. Im Umkehrschluss kann man theoretisch auch von der ganzen Welt gesehen werden. Dadurch aber reflektiert man sich und sein Verhalten womöglich nicht mehr. Deshalb habe ich das Gefühl, dass wir unseren Umgang mit Apps selbst korrigieren müssen Und das spüren auch Kinder und Jugendliche.

Inwiefern?

Kinder lieben Technik, aber sie hassen sie zugleich. Sie spüren diesen Druck, für ihre Freunde rund um die Uhr erreichbar sein zu müssen. Und sie spüren, wie oft sie ihre Zeit verschwenden. Sie versuchen dann selbst, Korrekturen vorzunehmen, beispielsweise eine Woche lang nicht auf Facebook zu gehen.

Das ist wahrscheinlich besser, als wenn Eltern mit erhobenem Zeigefinger drohen.

Sicher, vor allem müssen Eltern hier auch Vorbild sein. Viele Kids erzählen mir, dass ihre Eltern ständig sagen: Jetzt leg doch mal das Telefon weg. Und was tun sie selber? Haben das Gerät ständig vor der eigenen Nase.

Das gilt besonders für Spielplätze. Eltern schauen auf ihre Displays und nicht auf ihre Kinder…

Eine meiner Studentinnen hat das Verhalten auf Spielplätzen untersucht. Es waren die Kinder, die ihren Eltern zuriefen: „Papa, schau nicht dein Handy an, sondern mich.“

Gleichen sich am Ende nicht aber die Ängste der Eltern von Generation zu Generation? In den 1950er-Jahren war es die Angst vor dem scheußlichen Rock'n'roll, dann die Angst vor der Hippie-Kultur. Da war immer was, was in den Augen der Eltern Kinder und Jugendliche verderben könnte.

In der großen historischen Perspektive stimmt das. Aber heute passiert etwas anderes. Der Einbruch der Online-Technologie betrifft alle Generationen. Und verändert fundamental die Art und Weise, wie wir miteinander umgehen. Viele Menschen begrüßen jede Veränderung, genauso viele fürchten jede Veränderung. Das muss ausbalanciert werden.

Was hat die App-Generation eingebüßt? Was hat sie gewonnen?

Das kann wahrscheinlich nicht auf die Kategorien „Gewonnen“ und „Verloren“ heruntergebrochen werden. Fest steht aber, dass das alltägliche Leben beweglicher geworden ist, Wendungen passieren immer schneller. So groß die Gefahr ist, sich zu verlieren, so gering ist die Gefahr, verloren zu gehen. Selbst wenn die Kontakte nicht nachhaltig sind, die Beziehungen nicht tief. Was wirklich verloren gehen könnte, ist die Privatheit.

Ist sich die App-Generation dessen bewusst?

Ja, wir haben eine Untersuchung bei zehn- bis 14-jährigen Kindern gemacht, mit dem Ergebnis, dass sie zwar die Kontrolle über ihre Mitteilungen haben wollen, es ihnen aber nicht immer gelingt. Da müssen die Erwachsenen helfen. Klar ist eben auch: Wer nicht online, nicht bei Facebook, Instagram oder Twitter ist, der zahlt einen sozialen Preis, weil er von einer bestimmten Interaktion mit seinen Freunden ausgeschlossen ist.

Wie also wird sich die „Generation App“ in den nächsten zehn Jahren entwickeln?

Sie wird sich selbst Regeln geben, was den Umgang mit Apps angeht. Überhaupt werden die Generationen sich immer mehr an die technologische Entwicklung anpassen und zwar in kürzeren Abständen. Wahrscheinlich ist die nächste Generation schon keine App-Generation mehr, sondern eine Google-Glass-Generation.

Und was muss Katie Davis für die Zukunft lernen?

Nicht nachts um drei Uhr E-Mails checken.

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Katie Davis

forscht an der University of Washington in Seattle. Zusammen mit Howard Gardner hat sie das Buch „The App Generation“ veröffentlicht. Katie Davis

war Gast des „TED“-Salons in Berlin.

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