Medien : Kein Anpfiff um 18 Uhr 30?

DFL: Szenarien für Bundesliga-TV ohne „Sportschau“

Frank Hellmann

Keine Frage, Christian Seifert gefällt sich in der Rolle des Visionärs. In dem Workshop der Deutschen Fußball-Liga (DFL) „Fit für die mediale Zukunft“ redete der Vorsitzende der Geschäftsführung am Dienstag zumindest zeitweise Klartext. Die schlechte Nachricht dabei: Die ARD-„Sportschau“ ist gefährdet. Bei der nächsten Ausschreibung der Bundesliga-Rechte im Frühjahr 2008 wird es laut Seifert auch eine Variante ohne die Sendung geben.

Von 2009 an will die DFL, das ist bekannt, jährlich 575 Millionen Euro aus den TV-Rechten für die Liga erwirtschaften, drei Milliarden Euro für sechs Jahre garantiert die von der DFL mit der Inlandsvermarktung beauftragte KirchTochter Sirius – laut Seifert ein sinnvolles Modell: „Sonst wären wir weiter in der Einbahnstraße gefahren.“

Nun versicherte Seifert zwar, dass die Abschaffung der ARD-„Sportschau“ nicht zum „Kern des neuen Geschäftsmodells“ gehöre, ließ seine Meinung aber erkennen: „Letztes Mal haben wir den Spagat geschafft; waren fanfreundlich und haben das Free-TV und die Sponsoren befriedigt“, sagte er, nun müsse man über „die eine oder andere unpopuläre Maßnahme“ diskutieren – nämlich eine Abschaffung oder Verschiebung der „Sportschau“ auf 22 Uhr. Allerdings, so betonte Seifert, sei dies keine Entscheidung der DFL, sondern der Clubs. Sie votieren im Frühjahr 2008, dazu werden ihnen mehrere Verwertungspläne für die Zeit von 2009 bis 2012 vorliegen, davon auch eine ohne Sportschau.

Die Gründe für den möglichen Bruch mit der Tradition liegen für den wortgewandten Vordenker auf der Hand: In Deutschland seien die Zuschauereinnahmen begrenzt, die Werbeeinkünfte ausgereizt und das Transfergeschäft zufallsgetrieben. Allein die 30 Prozent, die die TV-Erlöse im Budget eines Bundesligisten ausmachten, böten noch Steigerungspotenzial. In England, so führte Seifert mit neidvoller Anerkennung aus, erwirtschafte man pro Eintrittskarte 45 Euro statt nur 18 Euro, dort steuere allein die Auslandsvermarktung ein Drittel der Fernseheinnahmen bei und das Pay-TV, an das 45 Prozent der Haushalte angeschlossen seien, bezahle für die Fussballrechte 33 Mal so viel wie das Free-TV. Deutschland sei weit abgeschlagen, hier sei man von einem Pay-TV-Anbieter allein abhängig, sagte Seifert.

Derzeit beträgt der Erlös aus den TV-Rechten 440 Millionen Euro jährlich, zu 76 Prozent werden sie von Premiere und ARD gezahlt. Seifert, der die „Sportschau“ als die „Sendung mit dem besten Preis-Leistungs-Verhältnis“ bezeichnete, hofft nun, dass ein von DFL und Sirius aufgebautes Bundesliga-TV breite Abnehmerplattformen findet. Aber lässt sich der Konsument der Ware Fußball zu IPTV oder Handy-TV locken?

Eines ist klar: Der 38-Jährige, vor zwölf Jahren noch Student an der Uni Essen, verteidigte den Kirch-Deal gestern mit gutem Grund. Schließlich hatte Seifert das Comeback des 80-jährigen Medienmoguls ja selbst monatelang vorbereitet. Und vor dem Zusammenbruch dessen Imperiums hatte er als Leiter der Abteilung Produktmanagement der Firma MGM Media Gruppe München von 1995 bis 1998 selbst ein Rädchen im großen Kirch-Getriebe gedreht. Skrupel plagen Seifert angesichts der Zusammenarbeit mit dem Mann, der die Liga vor fünf Jahren in die größte Finanzkrise stürzte, nicht. „Die KirchGruppe ist nicht das, was sie damals war“, sagte Seifert. „Die DFL aber auch nicht.“ Frank Hellmann

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben