Medien : Kein Bier für Omar

„Al Shamshun“: Wie die US-„Simpsons“ zur arabischen Fernsehserie werden

Andrea Nüsse[Kairo]

Coca-Cola und Nike-Sportschuhe sind in der arabischen Welt ebenso ein Hit wie in den USA. Dazu bedarf es keiner interkulturellen Dialoge. Die Verbreitung amerikanischer Fernsehserien ist wegen der kulturellen Unterschiede schon schwieriger. Als vor Jahren eine ägyptische Version der US-Kindersendung „Sesamstraße“ geschaffen wurde, war klar, dass eigene Figuren gebraucht werden, in denen ägyptische Kinder sich und ihre Umwelt wiedererkennen.

Bei jugendlichen Zuschauern setzt der pan-arabische Satellitensender MBC nun darauf, dass sie bereits in einer globalisierten Welt leben, weshalb schwarzer Humor aus den USA auch sie ohne weiteres zum Lachen bringt: Im Ramadan ist gerade die erste Staffel der Zeichentrickserie „Die Simpsons“ auf Arabisch gelaufen. Während arabische Fans der Original-Serie sich entsetzt zeigen über die kulturelle Anpassung, welche die Horrorfamilie aus den USA dabei über sich ergehen lassen musste, gibt es über den breiten Erfolg des Programms in der arabischen Welt bisher keine verlässlichen Daten.

Der Sender MBC hatte 30 Episoden der US-Serie eingekauft und angepasst, indem nur ausgewählte, stimmige Szenen gezeigt und die Dialoge der Figuren entsprechend synchronisiert wurden. Dazu gehören die Namenswechsel: Die US-Familie heißt auf Arabisch „Al Shamshun“ und aus Vater Homer wird Omar, der missratene Sohn Bart tritt als Badr auf. Zwar lebt die Familie noch immer in Springfield, doch als Omar darf Vater Homer nicht mehr beim Bier mit Freunden seine Sprüche klopfen, sondern er trinkt entweder Wasser oder Saft. Schinken und Hot Dogs tauchen nicht mehr als Schinken und Hot Dogs auf, dafür essen die „Shamshuns“ ägyptische Rinderwürstchen – der Konsum von Alkohol und Schweinefleisch ist Muslimen verboten. „Alkohol ist nicht wirklich Teil des täglichen Lebens in der arabischen Welt“, erklärt der Marketingdirektor des in Dubai ansässigen Senders MBC, Michel Costandi, die Veränderungen. Um den Erfolg des Projektes zu sichern, wurden bekannte arabische Schauspieler wie Mohammed Heneidy oder Hanan al-Turk als Synchronsprecher gewonnen.

Mehr an die Substanz geht es bei anderen sozialen und kulturellen Eigenheiten der Serie, die für das arabische Publikum verändert wurden. Zwar wird die Familie noch immer als zerrüttet präsentiert und Badr hat stets Ärger mit Eltern und Lehrern. Aber sein aufsässiger Ton gegenüber den Eltern ist in der arabischen Version etwas abgemildert. In der ersten Staffel werden kontroverse Themen wie Homosexualität und Rassismus ausgelassen. Und Krusty der Clown ist kein Jude mehr.

„MBC sucht nach Programmen, die für Jugendliche und Teenager attraktiv sind“, erklärte Costandi bei einer Pressekonferenz in Dubai. Da 60 Prozent der Bevölkerung in der arabischen Welt jünger als 20 Jahre sind, geht es hier um ein großes Marktsegment.

Mit einer arabischen Version von „Big Brother“ war der Sender 2004 gescheitert. Die Produktion in Kuwait musste nach Protesten von Islamisten eingestellt werden. Bleiben die bei dieser Altersgruppe beliebten Zeichentrickfilme. Cartoons von Walt Disney werden seit Jahren auf Arabisch synchronisiert, richten sich aber meist an ein jüngeres Publikum. „Wir haben leider keine eigenen Zeichentrickfilme, die genauso gut sind wie die westlichen“, erklärt Shahira Khalil, eine Expertin für Kindermedien, das Dilemma. So greife man eben auf die Produkte des Westens zurück, fürchte aber gleichzeitig die Beeinflussung durch fremde Sitten.

Während des Ramadan sind die „Al Shamshuns“ täglich im Vorabendprogramm gelaufen. Ob die Serie auch danach weitergesendet werden soll, ist noch offen. Viele arabische Blogger haben sich darüber beschwert, wie wenig witzig die Serie in der arabischen Version ist. Professor Asad Abu Khalil, ein ausgesprochener Simpsons-Fan, fand, weder die Übersetzer noch die Synchronsprecher hätten die Figuren erfasst. „Es ist nicht nur langweilig geworden, sondern es schmerzt richtig“, schrieb er.

Andere Blogger fragen sich, ob die klassischen Simpsons-Dialoge überhaupt übersetzt werden können. Andere hoffen, dass die Serie arabische Filmemacher inspiriert und eines Tages eine Serie auf den Markt kommt, in der ägyptische Charaktere sich mit den Problemen einer ägyptischen Familie zwischen Geldsorgen, Religion und Geschlechterverhältnis herumschlagen. Das wäre dann nicht mehr „Made in America und zusammengebaut in Ägypten“, wie ein Blogger die „Simpsons“ auf Arabisch beschrieb.

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