Medien : Kein bisschen amtsmüde

Lena Odenthal ermittelt seit 15 Jahren - und am Sonntag wieder im „Tatort: Gefährliches Schweigen“

Barbara Sichtermann

Was ist eigentlich ein Star? Dieses Wort hat durch eine gnadenlose Inflation viel von seinem Glanz verloren – denkt man nur an „Star Search“ oder „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“, hat man ja Skrupel, es überhaupt noch in den Mund zu nehmen. Aber da das Phänomen, das es bezeichnet, weiterlebt, wird es sich gegen seinen Missbrauch zur Wehr setzen und überleben. Verwenden wir es also.

Es gibt Weltstars, es gibt nationale Stars, es gibt – im Fernsehen – Reihenstars. Im „Tatort“ war lange Zeit Götz George als Schimanski der unbestrittene Superstar. Als er aufhörte, war sein Platz verwaist. Rückte wirklich Manfred Krug nach? War der nicht eher eine Type – bodenständig, komisch, allzumenschlich? Ein echter Star braucht, bei aller Unverwechselbarkeit des Charakters, einen Schuss Rätselhaftigkeit und Unnahbarkeit, jedenfalls im Krimi, diesem Genre, bei dem es stets um Tod und Teufel geht. Und eine so umschriebene Starqualität besitzt in der derzeitigen „Tatort“-Landschaft allein Ulrike Folkerts als Hauptkommissarin Lena Odenthal. Sie ist es, die die Filme trägt und prägt, sie ist es, um derentwillen die Leute einschalten. Man sagt München-„Tatort“ oder Berlin-„Tatort“, aber man sagt „Lena-Odenthal-Tatort“. Die Stadt Ludwigshafen hat, verglichen mit Ulrike Folkerts, einfach nicht genug Ausstrahlung für einen echten Wiedererkennungswert. Damit man weiß, was gemeint ist, muss der Name Lena fallen.

Folkerts alias Odenthal war vor fünfzehn Jahren die einzige Ermittlerin in der Länder übergreifenden „Tatort“-Familie. Zwei Vorgängerinnen hatten wieder aufgehört, 1989 kam Odenthal und blieb. Heute ist sie der „Tatort“–weit dienstälteste Cop und kein bisschen amtsmüde. Sie war es, die eine Tür aufstieß für Frauen in der Rolle der Verbrecherjägerin; inzwischen haben wir ja eine „Kommissarinnenschwemme“, derer das Publikum dem Vernehmen nach überdrüssig wird. Aber Odenthal ist nach wie vor beliebt. 2002 bekam sie den Zuschauer- Bambi. Ihr Starappeal hat mit den Jahren an Kraft eher gewonnen. Mehrere Folgen mit ihr sind schon abgedreht oder in Vorbereitung. Sie macht weiter.

Hat sich die Figur durch die Routine abgeschliffen, ist die kantige Kommissarin mit dem Flair der einsamen Wölfin nach fünfzehn Jahren Kampf um die Gerechtigkeit nahbarer geworden? Hm. Wer an Odenthal die Strenge und Konsequenz mag, diesen Blick, der spricht: „Sieh dich vor!“, der wird in der 32. Folge (Titel: „Gefährliches Schweigen“) auf seine Kosten kommen. Im Milieu unter Koksdealern, Erpressern, Freizeit-Luden und Vergewaltigern, angesichts lauter besonders unappetitlicher Delikte, macht Odenthal durchgängig ihr hartes „Ran- an-den-Feind“-Gesicht und zofft sich kräftig mit dem Kollegen vom Drogendezernat.

Aber wenn sie dann vor der Leiche einer Siebzehnjährigen knien muss, der sie Schutz versprach und die doch keinen Ausweg sah als den Freitod, dann löst sich ihre coole Miene in einen Ausdruck von Verzweiflung auf, der auch zu ihr gehört und der ein Spiegel ihrer Entschlossenheit ist, dem Bösen in den Arm zu fallen. Dieser Heroismus gehört zu der Figur, man darf ihn nicht als Sentimentalität missverstehen.

Und sonst? Ist Lena verbindlicher geworden, hat diese Kommissarin ohne Privatleben, die ihr Apartment bloß WG-mäßig mit dem Kollegen Kopper teilt, jetzt doch ein paar weiche Seiten entwickelt, womöglich auch ein bisschen freundliche Fraulichkeit?

Nun, Drehbuchschreiber haben getan, was sie konnten, um ihr Reste eines Familienlebens anzudichten. So kam in einer Folge plötzlich eine Tante vor, und als Verdächtiger kreuzte kürzlich ein Jugendfreund auf, dem Lena mal so nahe gestanden hat, dass ihre Objektivität in Frage stand. Kopper mußte das verdächtig Private übernehmen. Im Grunde prallen solche Versuche einer Angleichung der Lena Odenthal an die weibliche Normalbiographie von der Figur ab.

Diese Kommissarin lebt nicht aus einem natürlichen familiären Humus heraus, sondern aus der vollkommenen Künstlichkeit der Fernseherfindung, und man unterschätzt das Publikum, wenn man meint, es akzeptiere auf dem Bildschirm nur Gestalten mit realistischem Hintergrund und nachvollziehbarer Lebensführung. Es will die Ikone. Zu Odenthal passt keine Tante. Sie ist, sagen wir mal, die legitime Tochter des Kerls, der im schönen alten „Tatort“-Trailer so telegen durch den Regen davonrennt.

Das englische Volk nannte Elisabeth die Große seine „jungfräuliche Königin“. Damit war nicht gemeint, dass die Queen immer alleine schlief und von Sex nichts wusste, sondern dass sie sich niemals einem Mann unterordnete, dass sie frei blieb. In diesem Sinn ist auch Lena Odenthal eine jungfräuliche Kommissarin. Zwar hat sie einen Chef. Aber der ist kein Star.

„Tatort: Gefährliches Schweigen“, ARD, 20 Uhr 15

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