Medien : Kein Druck, nirgendwo

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Lutz Hachmeister moniert fehlende Herausforderungen an ARD und ZDF

Peter Voß, der Intendant des Südwestrundfunks, schreibt Gedichtbände und führt literaturkritische Gespräche mit Walser und Reich-Ranicki. Fritz Pleitgen, Amtskollege vom WDR und wie Voß „Presseclub“-Moderator, reist als Reporter in den Kaukasus und demnächst in den Thüringer Wald. Jobst Plog, NDR-Chef, präsidiert erfolgreich beim deutsch-französischen Kulturkanal Arte. Noch nie war es so geruhsam, an der Spitze eines öffentlich-rechtlichen Senders zu stehen. Gut, man quält sich durch endlose Sitzungstermine und Gremienrunden, aber die kräftezehrende politische und kommerzielle Bedrohung, mit der es das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem jahrzehntelang zu tun hatte, ist perdu–zum ersten Mal seit 1945.

Anfang der 60er wollte der alte Häuptling Adenauer ein Staatsfernsehen. Dann waren es christdemokratische Ministerpräsidenten, die den ARD-Sendern ans Leder gingen. Der heute fast vergessene Niedersachse Ernst Albrecht favorisierte ein starkes kommerzielles TV („ein Projekt, größer als Gorleben“) als Gegenpol zum angeblichen Linksfunk. Noch 1995 präsentierten Kurt Biedenkopf und Edmund Stoiber ein Denk-Papier über die Abschaffung des Ersten Fernsehprogramms. Später dachte die technokratische Sozialdemokratie, beseelt vom Glauben an ein ewig boomendes kommerzielles Medienwesen, an eine Privatisierung des ZDF. Mit Helmut Thoma erwuchs dem Privat-Fernsehen ein Chefpolemiker, der die öffentlich-rechtlichen Würdenträger in zahllosen Podiumsrunden als gestrige und grantige Hierarchen vorführte. Nicht zu vergessen: die Bertelsmann- Stiftung, die Expertenpapiere en gros produzierte, die dem öffentlich-rechtlichen System nur noch eine geschmälerte Rolle als Kultur- und Informationsvermittler zudachten.

Heute will Stoiber Kanzler werden und hütet sich nach dem Kirch-Kollaps im eigenen Vorgarten, irgendwelche Angriffe auf ARD oder ZDF zu starten. Die Hoffnungen der „Standort-Politiker“ auf das segenbringende Wachstumspotenzial der kommerziellen Medien sind enttäuscht worden. Schneller als gedacht ist der Privatfunk an seine Marktgrenzen gestoßen, seine Arbeitplatzeffekte blieben ohnehin bescheiden. SPD-Ministerpräsident Kurt Beck, Vorsitzender der Rundfunk- Kommission der Länder, ist ein bekennender Aficionado des öffentlich-rechtlichen Systems und sähe dort auch gern die wichtigsten Fußball- und Sportrechte verankert. Stolz definierte Beck während der langgezogenen Wahl des neuen ZDF-Intendanten die Länder als „Shareholder“ des ZDF – Shareholder“ eben nicht an der wackeligen und krisengeschüttelten privat-wirtschaftlichen Medienindustrie, sondern an einem mit sicheren Gebührengelder gepflegten Publizistik-Biotop. Bei Bertelsmann hatte man nach dem Ausfall der Kirch-Gruppe schon befürchtet, allein die Lokomotiven des Privat-TV stellen zu müssen. Der abgesetzte Vorstandschef Thomas Middelhoff machte sich ohnehin nichts aus den–intellektuell nicht sonderlich aufregenden–Wegweisungen seines Hauses zur Neuordnung des deutschen Rundfunkwesens.

Nun könnte man sich beruhigt zurücklehnen: dass der gemeinwohlorientierte Rundfunk sich so fraglos vermittelt, ist ja auch als Zeichen politischer Reife und schön austarierter publizistischer Balance zu deuten. Doch es bleiben Fragen, die zurzeit niemand so richtig stellt: Wie kann es sein, dass ARD und ZDF seit Jahren keine aufsehenerregende Show mehr in die Prime-Time bringen können, sondern allenfalls von kopierten und umgemodelten Konzepten des Auslands zehren?

Wo sind die programmprägenden Reporter- und Journalisten-Persönlichkeiten, nach Friedrichs und Ruge, Lojewski und Bednarz? Sollen öffentlich-rechtliche Häuser mit argentinischen Anleihen spekulieren (wie der MDR) oder sich eher um eine vielfältige, spannende Produzenten-Szenerie kümmern? Ist der Public-Service-Rundfunk kultureller Seismograph in einer schwierigen gesellschaftlichen Situation, oder protokolliert er doch eher brav die Zeitläufte?

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk profitiert zurzeit von den Schwindelanfällen der kommerziellen Medienindustrie. Er bleibt aber nur dann lebendig, wenn er unter publizistischer Spannung gehalten wird. Das ist kein Plädoyer für tumbe politische Angriffe auf seine Existenz, sondern für eine Reformdebatte, die im Interesse der Sender liegt – und vom Management bei ARD und ZDF offensiv angenommen werden sollte. Die Medienpolitik dringt soweit gar nicht vor. Im Zuge der ZDF-Intendantenwahl kam von der Düsseldorfer Landesregierung ein Eilgutachten zur Lage des Senders, das im Wesentlichen auf die Erkenntnis hinauslief, das ZDF- Publikum sei im Durchschnitt älter als das von RTL. Wohl dem, der solche Kritiker hat.

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