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Medien : Kein „Freund“ fürs Leben

18.04.2006 00:00 UhrVon Marc Felix Serrao

Die Literaturzeitschrift von Christian Kracht und Eckhart Nickel wird nur acht Ausgaben alt. Ein Epilog

Als ich Christian Kracht zum ersten Mal begegne, schickt er mich gleich wieder weg: „Seien Sie so lieb, und kaufen Sie uns etwas zu trinken.“ Die erste Flasche Bier leert er schweigend, in schnellen Zügen. Es ist vierzehn Uhr an einem Wochentag. Er zündet sich eine Zigarette an und nimmt ein paar genussvolle Züge, bevor er erneut das Wort an mich richtet: „Du bist also der Ostfriese?” Das anschließende Gespräch dauert zwei Minuten, dann steht der Auftrag, für die von Kracht herausgegebene Zeitschrift „Der Freund“ einen Artikel zu schreiben über den friesischen Nationalsport, das Bosseln. Die Vorgaben sind spärlich: viele Fußnoten, nicht gewollt witzig und „bitte nicht so wie Cordt Schnibben, der mal kurz über den Deich guckt“.

Cordt Schnibben leitet das ruhmbedeckte Ressort Gesellschaft beim „Spiegel“.

„Der Freund“ versteht sich selbst als Gegenprogramm zu einem immer hektischeren und dadurch austauschbaren Blick auf die Welt. Slow Journalism, wenn man so will. Chefredakteur Eckhart Nickel sagt „Brooding“, was so viel heißt wie ausbrüten oder abwarten. Jeder Autor darf schreiben, wie er will, sagt Nickel. Ausführlich, mit Ruhe. Wichtig sei nur, dass am Ende eine neue, so noch nicht erzählte Geschichte entsteht, wenn möglich mit einer eigenen, so noch nicht gebrauchten Sprache.

Wenn Nickel und Kracht erklären, was die Idee hinter dem „Freund“ ist, fällt ein Begriff immer wieder: Unschuld. Das klingt groß, fast ein wenig messianisch. Im Grunde, sagt Nickel, gehe es darum, Klischees und Wiederholungen zu vermeiden. Genau deshalb, um auch physisch auf Abstand zu gehen, befinde sich der Redaktionssitz auch so weit ab vom Schuss: Hotel Sugat, Kathmandu, Nepal.

Die Straße, in der Kracht und Nickel an ihrem „Freund“ arbeiten, heißt übersetzt „Irre Straße“. Diesen Freitag wollen die beiden wieder hinfliegen und arbeiten. Doch die Irre Straße, an deren anderem Ende der Königspalast liegt, könnte ihnen einen Strich durch die Rechnung machen. Die Lage ist heikel, wieder einmal. Das Auswärtige Amt hat eine Reisewarnung für Nepal herausgegeben. Wie damals, im Februar 2005, als die Demokratie kurzerhand beseitigt wurde und Nickel bei Kerzenschein in Kathmandu festsaß, während Kracht in seiner ehemaligen Botschaftervilla in Bangkok tagelang auf ein Lebenszeichen aus Nepal wartete.

Die jetzige Dienstreise soll die letzte in das Land werden, das sich zwischen Tibet und Indien so hoch aus der Erde drückt. Mit dieser, der achten Ausgabe, die Mitte Juni erscheint, ist Schluss mit dem „Freund“ aus dem Axel Springer Verlag. Kracht („Faserland“, „1979“) und Nickel („Gebrauchsanweisung für Portugal“) wollen ihre nächsten Bücher fertig kriegen. Für ihre Leser ist das eine gute Nachricht – für ihre Autoren nicht.

Für Menschen mit Ideen für Texte, die keine Zeitung der Welt je drucken würde, war der „Freund“ eine Spielwiese, groß und bunt. Hier durften die Artikel quasi von allem handeln, von ostfriesischen Sportsitten, satanischen Hippies, der Jagd nach Nasenhaaren, dem besten Möbel der Welt, fiktiven Fernsehsendungen oder Mars-Insekten. Und das alles ohne hässliche Werbeanzeigen und Fotos.

Wer wollte, konnte in englischer oder französischer Sprache schreiben. Die Interviews in der Heftmitte dürften mit ihren durchschnittlich 25 Seiten zu den längsten der Welt zählen. In der allerletzten Ausgabe, so viel steht schon fest, gibt es ein Gespräch mit Filmregisseur David Lynch. Darin wird es, wie Eckhart Nickel ankündigt, um Gemeinsamkeiten zwischen dem „Freund“ und Lynchs Filmografie gehen. Die Ruhe, das Brooding.

Vielleicht ist es genau diese Haltung, ein mitunter leicht größenwahnsinniger Charme, der so viele Menschen, insbesondere Journalisten, am „Freund“ und seinen Machern irritiert. Dabei will das Magazin eigentlich alles andere sein als ein Produkt blasierten Unernstes: „Das Prinzip Ironie ist bei uns Vergangenheit“, erklärt Nickel.

Die „taz“ ist noch am nettesten, wenn sie Kracht und Nickel mit zuverlässigem Abwehrreflex zuerst als „Pop-DandySäue“ beschimpft, dem „Freund“ dann immerhin „schöne Lesestücke“ attestiert. Den mit Abstand bösesten Verriss hat vor eineinhalb Jahren Harald Martenstein auf dieser Seite im Tagesspiegel geschrieben. Er nannte die Zeitschrift den „Versuch einiger nicht mehr ganz junger, wohlhabender und ratloser Männer, mit hochgezogenen Augenbrauen und abgespreiztem kleinen Finger von ganz oben herab auf die Welt zu blicken“. Kracht und „seine Popfreunde“, urteilte Martenstein, seien peinlich, eitel und für ihr Alter unsexy.

Mal davon abgesehen, dass viele „Freund“-Autoren, mich eingeschlossen, weder wohlhabend noch ratlos sind und vom Alter her Martensteins Kinder sein könnten, war man auch in der Chefredaktion vom „Freund“ nicht amüsiert. Als Reaktion erschien in einer späteren Ausgabe eine „uneingeschränkte“ Kaufempfehlung für Martensteins Buch „Vom Leben gezeichnet“. Für „Freund“-Leser aber war auch das eine unzweideutige Absage an Martenstein.

Kracht und Nickel, beide Jahrgang 1966, haben Spaß an der Inszenierung, das stimmt. Und meistens sind sie sich schnell einig. Schon als sie sich 1986 kennen lernen, tragen beide dieselbe Kleidung: schwarze Rollkragenpullover, Springerstiefel und abgewetzte Jeans. So sind sie damals herumgelaufen auf Sylt, die wütenden, reichen Jungs aus der Großstadt.

Das Problem der meisten ihrer Kritiker ist, dass sie nicht gemerkt haben, dass die Inszenierung heute eine andere ist. Fragen nach seiner Rolle als Pate der so genannten „Popliteratur“ beantwortet Christian Kracht schon seit Jahren nicht mehr. Um sich nicht zu wiederholen, wie er sagt.

Und die alte Clique? Rebecca Casati, Benjamin von Stuckrad-Barre, Moritz von Uslar, Alexander von Schönburg und all die anderen? Auch wenn es oft heißt, das Band sei brüchig geworden, haben sie doch fast alle etwas im „Freund“ veröffentlicht. „Ah, Popliteratur, das ist alles so lange her“, sagt Nickel, leicht enerviert, und fängt dann wieder an zu schimpfen, auf den Ironieverdacht, der auf ihm und Kracht laste „wie ein Fluch“.

Dann, mitten im Satz, hält er inne und schweigt ein paar Sekunden. Das „Prinzip Freundschaft“, sagt er dann, das sei ja eigentlich doch sehr wichtig. „Letzten Endes ist ein Freund doch der einzige Halt, den es auf der Welt gibt.“ Na, danke.

Christian Kracht kündigte im September 2004 das achtmalige Erscheinen des „Freundes“ an. Dann zog er sich nach Kathmandu zur Herausgabe der Zeitschrift zurück.

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