Medien : Kein Frühstück bei Tiffany

Wie es ist, verkannt zu werden: Katinka Feistls außergewöhnliche Fallstudie „Siehst du mich?“

Katrin Hillgruber

Augenweide oder Mäusespeck? Die Berliner Kosmetikerin Tiffany ist fest davon überzeugt, jeden Menschen verschönern zu können. Nur ihr eigenes Selbstbild schwankt mit Anfang 20 bedenklich. In der Parfümerie-Abteilung eines Kaufhauses erzielt sie durch ihre einfühlsame und zugleich zielgerichtete Verkaufsstrategie Rekorderlöse, und doch will die Chefin sie nach Ende der Probezeit nicht übernehmen. Weil Tiffany nicht dem gängigen Schlankheitsideal entspricht, weil sie trotz aller anderslautenden Beteuerungen ihrer Umwelt dieser schlicht zu dick ist? Offenbar ja, denn sie muss miterleben, wie hinter ihrem Rücken eine schlankere Nachfolgerin eingestellt wird. „Hauptsache dünn“ oder „Unser Wahnsinn mit der Waage“ titeln die Frauenmagazine, dennoch haben die Mädchengenerationen seit Twiggy den Schlankheitswahn längst als Dogma internalisiert.

Der 1972 geborenen Regisseurin Katinka Feistl gelingt mit ihrem nach „Bin ich sexy?“ zweiten Spielfilm (Co-Autorin: Gwendolyn Bellmann) eine Fortsetzung ihrer Erkundung des zeitgenössischen weiblichen Selbstverständnisses. Doch das geschieht nicht abstrakt, sondern in Form eines mitreißenden Films voller Phantasie, Poesie und Situationskomik, dessen Gefühlspalette von Heiterkeit über Traurigkeit bis zu wilder nächtlicher Action mit beträchtlichem Glasbruch reicht. Dank Viktoria Gabrysch in der Titelrolle, einer echten Entdeckung, folgt man gebannt Tiffanys Weg durch alle Widrigkeiten. Auf dem Münchner Filmfest 2005 wurde die junge Berlinerin innerhalb der Fernsehspiel-Reihe für den Förderpreis Deutscher Film als „Beste Darstellerin“ nominiert.

Zu verträumt-coolen Xylophonklängen von Eike Hosenfeld und Moritz Denis setzen die Kameraleute Sophie Maintigneux und Daniel Erb das städtische Universum der an sich lebensfrohen Individualistin Tiffany ins Bild: von der glitzernden Kosmetikabteilung über den abendlichen Einkauf bis zur Rückkehr in die dunkle „Wohnhöhle“. Dort wird die erwachsene Tochter von ihrer bei aller Güte dominanten Mutter erwartet: „Wie eine fette Spinne sitzt du da!“ Sie hat sich längst ihrem Übergewicht ergeben und verbringt den Tag in bequemen Hausanzügen vor dem Computer, wo sie mit einem Tarot-Programm Anrufern die Karten legt. „Ullas Ratgeber zum Glück“ nennt sich diese Ich-AG. „Warum hängen die Männer hier an der Wand und sind nicht bei uns in der Wohnung?“ fragt Tiffany in einer der berührendsten Szenen ihre Mutter (Sabine Orléans), als diese ihre Pinnwand um einen weiteren Beau ergänzt. „Fehlt dir was?“, antwortet diese überrascht.

Diese diffizile bis klaustrophobische Mutter-Tochter-Beziehung gerät durch einen Diebstahl aus Liebe durcheinander. Denn auf einem ihrer nächtlichen Streifzüge lernt Tiffany den Barbesitzer Falk kennen, charmant und geheimnisvoll gespielt von Sebastian Ströbel. Auch er schwankt zwischen Selbstbewusstsein und einer unerklärlichen Unsicherheit, die sich plötzlich zur aggressiven Abwehr steigert. Der gutaussehende junge Mann hat sich ausgerechnet auf die Porträtfotografie von Menschen verlegt, die mit irgendeinem ästhetischen Mangel behaftet sind. Die mollige Zufallsbekanntschaft scheint ihm gerade noch in seiner Sammlung zu fehlen. Es entwickelt sich ein spannendes Spiel von Anziehung und Abwehr, das die schwer verliebte Tiffany immer stärker in seinen Bann zieht. Als Falk ihr eiskalt erklärt, dass ihn dicke Frauen sexuell abstoßen, entschließt sie sich verzweifelt zu einer Fettabsaugung. Aber woher soll sie angesichts der drohenden Arbeitslosigkeit das Geld dazu auftreiben, und wird Falk eine dünnere Tiffany, deren Name stets an die elfengleiche Audrey Hepburn erinnert, lieben können? Friedrich Nietzsche formulierte eine scheinbar unumstößliche biologische Tatsache, die in „Siehst du mich“ zu drastischen Konsequenzen führt: „Das Glück des Weibes heißt: er will. Das Glück des Mannes heißt: ich will.“

Katinka Feistl sagt, sie habe einen Film darüber machen wollen, „was es bedeutet, nicht gesehen zu werden, über drei Menschen, die von ihrer Umwelt verkannt werden und die doch ein großes Bedürfnis danach haben, für das geliebt zu werden, was sie tief innen sind“. Herausgekommen ist eine ergreifende Fallstudie über ein weitverbreitetes Phänomen: den ungestillten emotionalen Hunger.

„Siehst du mich?“, Arte,

Freitag, 20 Uhr 40

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