Kein Herz für Tiere? : Juchtenkäfer sucht Promi

Viele Stars setzen sich für Tierschutz ein – vor allem für Arten, die eine gute Inszenierung hergeben. Wer aber hat den größeren Nutzen, die Tiere oder die Prominenten?

Julia Kimmerle
Sexy lässt sich der durch das Bahn-Projekt Stuttgart 21 bedrohte Juchtenkäfer nur schwer inszenieren. Er hat bisher keine prominenten Unterstützer wie Cosma Shiva Hagen gefunden, die sich für die Anti-Pelz-Kampagne von Peta ausgezogen hat. Fotos: dpa/GABO
Sexy lässt sich der durch das Bahn-Projekt Stuttgart 21 bedrohte Juchtenkäfer nur schwer inszenieren. Er hat bisher keine...Foto: picture alliance / dpa

Es sollte eine glamouröse Werbekampagne werden, doch heraus kam ein PR-Desaster. Top-Model Naomi Campbell ließ sich 2009 für den Designer Dennis Basso bis auf einen Zobel-Pelz unbekleidet ablichten – obwohl sie zuvor für die Organisation Peta gegen das Tragen von Pelzen geworben hatte. Dass Campbell plötzlich lieber im Pelz als nackt ging, empörte Tierschützer enorm.

Weil solche Sinneswandlungen jedoch eher selten sind, werben Verbände und Organisationen gerne mit Stars für ihre Ziele. Die Schauspielerin Elisabeth Lanz, bekannt aus der ARD-Reihe „Tierärztin Dr. Mertens“, ist für den World Wide Fund For Nature (WWF) Botschafterin im aktuellen „Jahr des Tigers“. Ihr Kollege, der Schauspieler Hannes Jaenicke, setzte sich für Eisbären, Orang-Utans und Haie ein – und gegen die Ferkelkastration.

Doch kommen Stars und Tierschutz zusammen, klingt das manchmal zu gut, um wahr zu sein. Prominente, die die Aufmerksamkeit der Medienöffentlichkeit auf bedrohte Kreaturen lenken, sorgen für großzügige Spenden – und profitieren im Gegenzug von positiver Berichterstattung, einem guten Image und vielleicht auch einem gestiegenen Marktwert. Es könnte ein Geschäft sein, bei dem es nur Gewinner gibt: die Tiere, die Prominenten, der Tierschutz an sich. Jedoch sieht Schauspieler Hannes Jaenicke, der über seinen Einsatz als Umweltschützer kürzlich das Buch „Wut allein reicht nicht“ verfasst hat, das Engagement seiner Kollegen kritisch. Vielen gehe es dabei „nicht um den Inhalt, sondern nur um die PR-Plattform“, sagt Jaenicke.

Tatsächlich strahlt der Glanz der Stars nicht auf alle Tiere gleichmäßig hell. So hat der seltene Juchtenkäfer, der durch das Bahn-Projekt Stuttgart 21 bedroht ist, bisher noch keinen prominenten Unterstützer gefunden – wohl auch, weil sich die Berühmtheiten mit ihm kaum so sexy wie auf den Fotos gegen Pelz inszenieren könnten. Auch Jörn Ehler vom WWF sagt, es sei weniger problematisch, einen Prominenten als Botschafter im „Jahr des Tigers“ zu begeistern als im „Jahr des Schweinswals“. Eher bescheiden“ sei die Resonanz gewesen, als der Deutsche Tierschutzbund für eine Aktion gegen Ferkelkastration nach prominenten Unterstützern suchte, sagt Bundesgeschäftsführer Thomas Schröder. Hannes Jaenicke machte trotz des wenig glamourösen Themas mit.

„Ob sein Einsatz gut oder schlecht für sein Image ist, das spielte bei ihm noch nie eine Rolle“, sagt Jaenickes PR-Managerin Sandra Paule. Da er es mit dem Tierschutz ernst meine, sei sein Engagement mit viel Arbeit verbunden. Auch für Paule: Täglich bekommt sie etwa 30 Anfragen, ob Jaenicke eine Tier-Patenschaft oder Schirmherrschaft übernehmen möchte.

Warum ausgerechnet Schauspieler so gefragt sind, weiß Silke Berenthal: „Stars werden gesehen und gehört, und sie haben eine Vorbildfunktion“. Berenthal betreut für die Organisation Peta in Deutschland die Zusammenarbeit mit Prominenten. Peta, das abgekürzt für People for the Ethical Treatment of Animals steht, gilt als die Organisation, die besonders professionell mit Prominenten für den Tierschutz wirbt.

Für die Kampagne „Lieber nackt als im Pelz“ zog sich nicht nur Naomi Campbell, sondern auch Baywatch-Nixe Pamela Anderson aus. In Deutschland gehören Cosma Shiva Hagen und Thomas Kretschmann zu den Aktivisten.

Doch damit Tierschutz und Promis zusammenfinden, brauche es oft eine genaue Recherche, erzählt Berenthal. Sie lese „Gala und Bunte rauf und runter“, spreche mit Agenturen und sehe regelmäßig fern. „Wenn Promis zum Beispiel in Interviews davon erzählen, sie seien Vegetarier, ist das für uns durchaus interessant.“

Dass die aufmerksamkeitsstarken Kampagnen von Peta in erster Linie dem Image der Promis nutzen, hält Berenthal für einen Trugschluss. „Wir sagen den Leuten immer: Wer sich für uns engagiert, muss wissen, was er tut. Sonst kann es peinlich werden.“ Auf Promis, die privat gegen ihr öffentliches Engagement handeln, stürzt sich dann die Klatschpresse. So wurde Tokio-Hotel-Sänger Bill Kaulitz in diesem Jahr von Peta zum „Sexiesten Vegetarier“ gekürt. In Los Angeles fotografierte ihn jedoch ein Paparazzo nach dem Besuch eines Steakhouse. Zwar sagte Kaulitz, dass er sehr wohl Vegetarier sei und im Steakhouse fleischloses Essen hätte bestellen können, doch sein lupenreines Vegetarier-Image dürfte angekratzt sein.

Solche Vorfälle nennt Thomas Schröder, Bundesgeschäftsführer des Deutschen Tierschutzbundes, die „Prominentenprobleme“: „Es geht bei dem Engagement immer auch um einen Imagetransfer – deshalb ist es so wichtig zu fragen: Ist das Engagement glaubwürdig?“ Ähnlich wie bei einem Unternehmen kann es auch für einen Verband eine gute oder schlechte Marketingentscheidung sein, sich langfristig an einen Prominenten zu binden.

Obwohl der Deutsche Tierschutzverband kein „Promiverband“ sei, wie Schröder sagt, kooperiert auch er mit bekannten Unterstützern, Regisseur Wolfgang Petersen etwa oder dem Volksmusik-Star Stefanie Hertel. Ob Promis wie sie mehr Spenden bewirken, könne selten genau beziffert werden. Doch sollte der Erfolg nicht allein in höheren Spenden gemessen werden, sagt Schröder: „Prominente können uns auch solche Türen öffnen, die wir alleine nicht aufbekommen würden.“

Was die Tiere direkt davon haben, wenn sich ein Prominenter um sie kümmert, bringt TV-Moderatorin Maja Synke von Hohenzollern auf den Punkt, die sich in Spanien für Straßenhunde und misshandelte Tiere einsetzt und 2009 den Europäischen Tierschutzpreis bekam: „Mich hat noch nie ein Hund gefragt, ob ich prominent bin, wenn ich ihn gefüttert oder sein Häufchen weggemacht habe“.

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