Kein Nazi, aber... : Im NS-Apparat

Ein Arte-Film über Johannes Gutschmidt, der Kommandant verschiedener Kriegsgefangenenlager war.

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„Es ist entsetzlich“, notierte Johannes Gutschmidt (M.) in seinem Tagebuch. Foto: RB
„Es ist entsetzlich“, notierte Johannes Gutschmidt (M.) in seinem Tagebuch. Foto: RB

Johannes Gutschmidt wäre gerne weiter dabei geblieben im Krieg gegen die Sowjetunion. Als er von seiner baldigen Abberufung erfährt, schreibt er in sein Tagebuch: „Das ist für mich, der ich so gerne Soldat bin, sehr hart.“ Das war im Jahr 1944, da war Gutschmidt 67 oder 68 Jahre alt, und als Kommandant von Kriegsgefangenenlagern in Polen, Weißrussland, Russland und der Ukraine hatte er wohl schon tausende Menschen sterben sehen. Sie gingen an Unterernährung und Kälte, an Krankheiten und Seuchen elendig zugrunde oder wurden erschossen und erschlagen. Das vor 70 Jahren begonnene „Unternehmen Barbarossa“, der Überfall auf die Sowjetunion, war das mörderischste Kapitel des Zweiten Weltkriegs. Allein von den fünfeinhalb Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen sind mehr als drei Millionen ums Leben gekommen.

Welche Rolle spielte da der Einzelne vor Ort? Wie viel Schuld trug einer wie Johannes Gutschmidt? Anja Krug-Metzinger, Autorin des Films „Tagebuch eines Lagerkommandanten“, den Arte am Mittwoch zeigt, geht es nicht um eine Geschichtsstunde mit Daten, Zahlen und Fakten, sondern um das Allgemeine im Besonderen. Obwohl auch zwei ehemalige Kriegsgefangene ihre Erlebnisse schildern und Historiker die Notizen Gutschmidts einordnen, steht die Persönlichkeit des Kommandanten im Mittelpunkt. Er ist der Prototyp eines Deutschen, der kein Nazi und dennoch tief in die Verbrechen verstrickt ist.

Seine 2001 entdeckten Tagebücher geben einen seltenen Einblick in Organisation und Alltag des Lagerlebens – aus der speziellen Sicht des Kommandanten, der meist gutes Essen, eine warme Stube und außerdem einen Burschen hat, den Ukrainer Viktor, „einen famosen Jungen“. Gutschmidt ist ein altgedienter preußischer Offizier, 1876 geboren, im Ersten Weltkrieg verwundet und immer noch kaisertreu. In seinem Tagebuch fänden sich keine rassenideologischen Stereotypen, sagt der Münchner Historiker Christian Hartmann. Er nennt Gutschmidt einen „Menschen mit hohem Verantwortungsbewusstsein“, der zum Teil eines mörderischen Apparates und „in hohem Maße schuldig“, aber kein Massenmörder geworden sei. Der Kommandant setzt sich für eine bessere Versorgung ein, lässt Soldaten verhaften, die eine Einheimische vergewaltigten, und notiert zu Erschießungen: „Es ist entsetzlich“. Aber letztlich hat er all dies akzeptiert. Als die Verhältnisse in den Lagern ab Herbst 1941 immer schlimmer wurden, breitet sich laut Hartmann im Tagebuch ein Schweigen aus.

Gutschmidts konkrete Rolle im Alltag, seine persönliche Schuld bleibt in dem Film undeutlich. Dafür gibt es einige raffinierte Ton-Montagen. Anja Krug-Metzinger ist auch die Autorin eines Radiofeatures zum selben Thema. Vielleicht geht ihr Konzept da besser auf. Unter dem Titel „Verlaufsprotokoll einer Katastrophe“ ist es bei WDR5 am 23. Juni (11 Uhr 05) zu hören. Thomas Gehringer

„Tagebuch eines Lagerkommandanten“, Arte, 20 Uhr 15

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