Medien : Kein Ort ohne Tat

Tölzer Bullen und Kieler Cops: Immerzu zeigt das deutsche Fernsehen Krimis, gerade weil das wahre Leben der Deutschen kein Krimi ist

Caroline Fetscher

Man muss nur einschalten. Gleich ist da ein konzentrierter Kommissar mit einer Pistole, oder ein nervöser Drogendealer mit einer Pistole, oder eine betrogene Ehefrau mit einer Pistole, oder ein korrupter Firmenboss mit einer Pistole, oder ein rachsüchtiges Kind, eine verzweifelte Schülerin, eine bedrohte Prostituierte, ein tückischer Opelhändler. Alle mit einer Pistole. Wenigstens halten sich die Kindergärtnerinnen etwas zurück. Aber alles andere, was auf zwei Beinen stehen kann und eine Hand zum Pistolefesthalten besitzt, langt offenbar auch nach einer. Wahrscheinlich werden auch der neue und der alte Chef der auferstandenen Schwarzwaldklinik über kurz oder lang von Pistolen bedroht.

Zu den im Grunde merkwürdigsten Erscheinungen der Medienwelt gehört es ja, dass die sich im Fernsehen und dessen Hauptunterhaltungsgenre Krimi, tatsächlich als jene Medienmafia aufführt, die zu sein man ihr zuschreibt. Handfeuerwaffen gehören dort zum Alltag fast aller und dabei zum Garanten für Kurzweil bei den quotenentscheidenden Massen. Große Regionen der Fernsehlandschaft sind mithin Taten und Tatorten gewidmet. Diese Tatorte liegen dicht verstreut, man bekommt sie auf allen Kanälen, oderflutartig strömen die Taten und ihre Orte einem entgegen.

Kleine Anfrage: Was bedeutet es, dass uns all das gefällt und unterhält? Jeder Fernsehabend mit seinen Polizeirufen, Tatorten, Tölzer Bullen, schwedischen Ermittlern (die besten, Beck!), und dazwischen den Thrillern, beweist die Sachlage, doch Debatten darüber gibt es immer nur dann, wenn wieder ein Schulkind in einer Schule herumgeschossen hat.

Ist das Phänomen derart auffallend unauffällig, so normal, dass wir es schon nicht mehr in Frage stellen? Yes, Sir. Die mediale Faszination für die Polizei, der realsten, konkretesten Branche der Staatsgeschäfte, ist ungebrochen und übersteht jede Erfindung neuer Formate. Die Exekutive ist offenbar viel interessanter, als es die beiden anderen Branchen, Legislative und Jurisdiktion, je sein könnten. Polizisten müssen her. All die unbefugten, zivilen Pistolenfuchtler müssen ja von irgendwem in die Schranken gewiesen werden, und dazu braucht es dann die befugten, die mit ihren offiziellen Pistolen mehr hermachen als irgendein Krawattenmann im Bundesrat oder ein Robenmensch im Richteramt.

Warum? Zunächst weil die Aktenberge und Gesetzesvorlagen, die Debatten um Paragrafen und deren Exegese, auch noch so gut dramatisiert, vor allem langweilen würden. Denn sie setzen Vorkenntnisse voraus. Und sie sind abstrakt. Also bilden sie nur die Grundlage für all die Regeln und Verfahren, die klären sollen, was eine Straftat ist und was dagegen unternommen werden muss. Sie sind kaum drehbuchtauglich, sondern nur als ferne Rahmen der Handlung.

Während der Krimi uns gern anfangs auf die Seite der Ganoven driften lässt, und man als Zuschauer hofft, die Ganoven mögen mit ihren Bankraubscheinen zu den Südseeinseln entschwinden, von denen sie träumen, schlägt die Stimmung in der Regel allmählich um auf die andere Seite. Gegen Ende bangt man dann mit der Exekutive auf das Exekutieren von deren Aufgabe. Kriminelle Impulse wurden geweckt, gejagt – gebändigt; eine große pädagogische Leistung vollbracht, die sich zyklisch wiederholt.

Wenn aber das ansonsten unspektakuläre Hauptpersonal all dieser dramatischen Darstellungen bewaffnet ist, fragt es sich doch, wie dieses Szenario eines zivilen Kleinkriegs überhaupt zustande kommen kann, mit und ohne Rotlichtmilieu, bei Buchhaltern und Babysittern. Warum ist das Dramatische ohne das Pistolische kaum zu denken, warum ist das attraktiver als das Politische oder das Apostolische und das Apistolische? Als Leute wie Edgar Allan Poe den Krimi erfanden, gaben sie Literaturwissenschaftlern Stoff zum Nachdenken über den Generalverdacht aller gegen alle in einer konkurrenz- und rivalitätsgeschüttelten Gesellschaft.

Freud! Genau. Kein anderer könnte uns erklären, woraus sich die pausenlose, mörderische Fantasieproduktion des kollektiven Spiegels auf dem Bildschirm speist. Das Fernsehen ist ja auch Ausdruck unseres Unbewussten. Aber während man in der Analyse sich auf die Couch legt und spricht, ist es beim Fernsehen so, dass man sich auf die Couch legt und der andere spricht. Das Fernsehprogramm ist nämlich Ausdruck eines kalkuliert produzierten Unbewussten: Das Publikum übermittelt den Machern seine Wünsche, die Macher setzen die Wünsche in Bilder um, dann wiederum konsumiert das Publikum die Resultate dieser Umsetzung. Gewöhnlich wird diese passive Aktivität selbstverdinglichend als „Abschalten“ (durch Einschalten) beschrieben.

Was kompliziert klingt, ist ganz einfach: Wollen, machen, sehen. Und alles virtuell. Noch einfacher ist es allerdings, zu verstehen, dass nur ein minimaler Teil, nur ein Bruchteil des gesamten real existierenden Wünschens und Sehnens und Drängens und Deutens und Bedeutens überhaupt jemals aufgegriffen und für Bildschirme bearbeitet wird. Aus dem Meer der Möglichkeiten wird immer und immer wieder nur der Piranha herausgefangen, ganze Netze voll. Achtung, bissiger Fisch. Frisch. Monströse Zeitgenossen wie die Kosmetikerin, die ihre Nebenbuhlerin niedergestreckt hat, der Punker, der den Penner beraubt hat, und was sonst in Kleinmeldungen die Blätter schmückt, mutieren in der wertvollsten Sendezeit zu den bestimmenden Themen, im Krimi, Thriller, Horror, mit Serienmördern und Frauenkillern oder Killerfrauen, in den lichtlosen Nächten der Welt. Warum wird im anderen Teil des Meeres nicht gefischt? Warum ist unbewaffnete Konfliktlösung öde? Warum trauert fast nie einer um all die Ermordeten in den Krimis? Was ist eigentlich los mit denen da?

Die Menschheit ist jung, Leute. Erst vor zweihundert Jahren gab es die Französische Revolution, liberté, fraternité und so weiter. Erst vor hundert Jahren durften irgendwo die ersten weiblichen Menschen wählen gehen. Erst vor fünfzig Jahren wurden die Menschenrechte erfunden, erst vor drei Jahren die wichtigsten Uno-Reformen. Das wird schon alles werden. Einstweilen verarbeiten wir in den Demokratien die Relikte unserer Atavismen und vergangenen Epochen, während sie in den Nichtdemokratien genug Krimi im richtigen Leben haben, und im Fernsehen lieber nach Kitsch rufen. Aber eine zivile, unbewaffnete Welt, in der das Waffedabeihaben eher ungewöhnlich ist, existiert auch. Eine sagenhafte Parallelwelt, übrigens. Man muss nur ausschalten.

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