Medien : „Kein Pro 7 für Arme“

RBB-Spitze gibt Ausblick auf das neue, gemeinsame Programm

Joachim Huber

Der neue Mensch heißt: der Berlin-Brandenburger. Erschaffen wird er Anfang nächsten Jahres, wenn der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) aus den bestehenden dritten Fernsehprogrammen (ehemals SFB 1 und ORB-Fernsehen) ein gemeinsames, neues Angebot kreiert hat. Wie RBB-Intendantin Dagmar Reim beim Pressegespräch am Mittwochabend erklärte, „lassen sich Berlin und Brandenburg kleinstaatlerisch nicht mehr trennen“. Die Stadt und das Land, die Metropole und die Mark – das sind die längste Zeit Gegensätze gewesen. An der Identität des Berlin-Brandenburgers wird sich in der ZweiLänder-Anstalt abgearbeitet, allein. Werbung für die politisch gewollte Fusion der Länder wird nicht betrieben: „Wir sind keine Missionsanstalt“, sagte Reim.

Natürlich ist das neue Dritte eine Sturzgeburt, das Geld des ARD-Senders reicht für zwei getrennte Angebote nicht mehr aus. Fernsehdirektor Gabriel Heim will die Gegensätze nur noch um 19 Uhr 30 gelten lassen, wenn Berlin-Brandenburg für 30 Minuten in die Berliner „Abendschau“ (Verbreitung über Antenne und Kabel ) und „Brandenburg aktuell“ (Antenne/Satellit) gesplittet wird. Der frühere WDR-Mitarbeiter annonciert eine „nachrichtenorientierte Boulevardstrecke“ von 18 Uhr an, nach „Abendschau“/„Brandenburg aktuell“ und der „Tagesschau“ soll der neue Kanal bis 22 Uhr bestehende Erfolgssendungen aus beiden Dritten aufnehmen (die „Sterbeliste“ für Überflüssiges in den existierenden Programmen wird noch erstellt). In diesen Korridor, von 18 Uhr bis 22 Uhr, wird das RBB-Fernsehen seinen Ehrgeiz in Eigenproduktionen (rund 30 Prozent des gesamten Angebots) investieren. Es wird an Populärem, an regionaler Information, an Rat und Tat, an Lebenshilfe und unterhaltenden Buntstoffen nicht fehlen. Als Grundlinie des RBB-Fernsehens zeigt sich: Intelligenter Ressourceneinsatz für die große Zuschauerzahl, die intellektuelle Flughöhe wird daran bestimmt. Überraschungen und Mut, Experimentierfreude und Geist vielleicht am späten Abend. Reim sagt, das RBB-Fernsehen wird „kein Pro 7 für Arme“.

Beim Radio, das lässt das Tableau von Hörfunkdirektorin Hannelore Steer erkennen, bleibt der Berliner Berliner und der Brandenburger Brandenburger. Das Stadtradio 88 Acht und die Antenne Brandenburg senden weiter: „Die Leute konsumieren Hörfunk anders als Fernsehen“, weiß Steer. Man kann es auch so sagen: Das kostengünstigere Radio erlaubt die zielgenaue, auch regional ausgesteuerte Ansprache über verschiedene Programme – das extrem teure Fernsehen nicht. Bei den Kulturwellen kommt es zur „Neugründung“ aus Radio 3 und Radio Kultur, Steer nannte als Ziel lediglich: „beträchtlich mehr Hörer“. Die frei werdende Kultur-Frequenz will der RBB zur Ausbreitung von Radio Multikulti in der Mark nutzen – einer muss ja nach dem Rechten in Brandenburg sehen, oder?

Bei den finanziellen Rahmenbedingungen des RBB versucht sich Verwaltungsdirektor Hagen Brandstäter nach wie vor schlau zu machen. Er hatte so wenig Zahlen bei der Hand wie Nawid Goudarzi, der Produktions- und Betriebsdirektor. Deutlich wurde, dass die Fusion nicht nach der Formel „1 plus 1 gleich 2“ funktioniert, sondern ein Sender „1 plus“ entsteht. Der RBB wird künftig weit weniger als 1750 Arbeitsplätze haben, die Zahl der freien Mitarbeiter wird kleiner. Nach der unmissverständlichen Ansage von Senderchefin Reim dient das neue RBB-Programm dem Gebührenzahler und nicht der (Selbst-)Befriedigung des Personals. Die neue RBB-Spitze scheint vom Willen zum Machbaren getrieben, von Realitätssinn. Sollte 2005 die Gebührenerhöhung ausbleiben, wird der RBB an „Lungenentzündung“ erkranken, sagte Reim.

Ärger steht ins gemeinsame Haus, natürlich beim Geld: Die Mitarbeiter des RBB-Berlin werden nach dem alten SFB-Tarif entlohnt, der im Schnitt fünf bis sieben Prozentpunkte mehr Entlohnung bedeutet als der ORB-Tarif – nach dem jede Neuanstellung vorgenommen wird, wie Reinhart Binder sagte. Hätte der Justitiar und Leiter der Intendanz bei den Tarifverhandlungen einen Wunsch frei, dann würde er den ORB-Tarif als künftigen RBB-Tarif festschreiben lassen.

Die Konturen der Aufgabenteilung zwischen den Standorten Berlin und Brandenburg werden sichtbar: Das Fernsehen agiert (bis auf regionale Restposten) in Potsdam, der Hörfunk arbeitet vor allem in Berlin, ebenso die Verwaltung. Das viele Hier wie Dort hat eine Konsequenz: Die Avus wird zur RBB-Hausstrecke.

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