Medien : Kein Segen für Christiansen

Barbara Sichtermann

„Neue Sehnsucht nach alten Werten“. ARD. Sieben Millionen sollen es gewesen sein, die sich nach Rom aufgemacht haben, um dem Papst Ade zu sagen. Sehr viel Jugend darunter. Eine Traumquote sozusagen. Kann man diese enorme Zielgruppe jetzt, nach dem Ende der Feierlichkeiten, einfach sich selbst überlassen? Muss man deren große Gefühle nicht wenigstens zum Thema machen – in Verbindung womöglich mit dem neuesten Streit um einen obligatorischen Werteunterricht an den Schulen Berlins? So geschah es bei „Christiansen“, aber der Segen fehlte.

Unter den Gästen saß Bischof Reinhard Marx aus Trier, der natürlich dagegen war, dass die Berliner Kinder in den Werteunterricht müssen, in die Religionsstunde aber bloß zu kommen brauchen, wenn sie wollen – zumal die Jugend in Rom bewiesen habe, dass sie „den Glauben als starke Erfahrung“ suche. Ha, fragte listig Hans-Christian Ströbele, suchen sie nicht vielmehr ganz profan ein „Event“, ein tolles Gemeinschaftserlebnis? Und wenn schon, da hatte der Kirchenmann gar nichts dagegen. Events kann er jede Menge bieten, bei ihm sei es zu allerlei Anlässen immer „brechend voll“. Glauben die anderen nicht. Ströbele weiß: Die Leute treten aus der Kirche aus, sie gehen nicht mehr rein. Außerdem sei immer mehr Religion nicht unbedingt nützlich. Da kämen am Ende evangelikale Sekten bei raus, ja ja, es gebe auch einen christlichen Fundamentalismus… Und schon war man mitten in der Politik und weit weg von der frohlockenden Jugend.

Das Thema der Sendung hieß: „Neue Sehnsucht nach alten Werten“. Man versäumte nun aber, der Tatsache Rechnung zu tragen, dass „Werte“ vornehmlich außerhalb der Religion diskutiert werden (müssen), denn für den Bischof und die Seinen steht ja schon alles in der Bibel. Zwar schlug sich Klaus Wowereit tapfer in Verteidigung seines Werteunterrichts, aber auf die Frage nach dem Ursprung der neuen Innerlichkeit bei der papsttreuen Jugend wusste er nicht viel zu sagen. Einmal wurde er böse. Da hatte doch der Christiansen-Stab einen jungen Mann vorn ins Publikum gesetzt, der für „Wahre Liebe wartet“ warb, eine Vereinigung, die ihre Mitglieder zur Keuschheit vor der Ehe verpflichtet und darin einen Wert sieht. Das könne er ja gerne machen, sich aufsparen bis zum Tode, aber anderen Menschen eine „sexuelle Unterdrückung“ per Propaganda quasi aufzunötigen, das ginge zu weit, fand Wowereit. Und so stand die freie Liebe schön als Wert im Raum.

Auch Ströbele durfte einen Wert seiner Wahl verteidigen: die Wahrhaftigkeit. Er machte das so überzeugend und beklagte vor allem das Fehlen dieses Wertes in Politikerkreisen, dass er viel Beifall erhielt. Die Jugend war schon wieder aus dem Blick geraten. Ursula von der Leyen, Sozialministerin aus Hannover, wusste anzumerken, dass Eltern ihrem Nachwuchs gegenüber auch „Standpunkte“ einnehmen sollten. Dann kam noch einmal der Bischof. Auf die Frage, ob der Zug (nach Rom) „zum Schub“ (für volle Kirchen) werden könnte, befand er, der Papst habe eine solche Entwicklung „gepusht“ und zwar „durch sein Glaubenszeugnis“.

Tja. Was war das nun? Eine thematisch verrutschte Quasselrunde, in der wie üblich die Moderatorin immer dann unterbrach, wenn es spannend hätte werden können? Oder ein ehrliches Bemühen, Berliner Schulpolitik mit einem vorgeblich neuen Wertehunger bei der Jugend zu verknüpfen, der vielleicht bloß Reiselust war? Vor allem war es der Versuch, die Werte, die im TV-Geschäft vorherrschen, hochzuhalten und den gewaltigen Publikumserfolg des Papstbegräbnisses irgendwie für „Sabine Christiansen“ auszunutzen.

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