Medien : Kein Spiel dauert 90 Minuten

Zeitversetztes Fernsehen: Was die Unterhaltungselektronik aus der Fußball-EM alles herausholen kann

markus ehrenberg

Abseits oder kein Abseits? Tor oder kein Tor? Spätestens zur Fußball-Europameisterschaft werden wieder Millionen Menschen zu Trainern, Experten, Bilderstürmern – vor dem Fernseher. Das Wohnzimmer als Pilgerstube für Freunde und Familie, Videoprojektoren auf Marktplätzen, Heimkino in Gaststätten – nie ist die Bedeutung der TV-Bilder größer als bei solchen sportlichen Großereignissen. Vor keiner anderen Zeit werden so viele Fernseher und Aufnahmegeräte verkauft. Auch dann, wenn das neue Gerät noch gar nicht „dran“ ist. Und oft, bevor man weiß, was man mit Fernsehern eigentlich noch alles anstellen will.

Auf jeden Fall soll das neue Gerät zehn Jahre halten und auch noch die nächste Technikrevolution mitmachen. Fernseher ist ja nicht mehr nur Fernseher, reiner Überträger von Bildern. Als All-in-One-Modell oder mit Zusatzgeräten wird ein Multimediacenter draus. Vor allem mit DVD-Playern. Sie gehören schon in jedem dritten deutschen Wohnzimmer zur Standardausstattung. Jetzt rücken DVD-Recorder nach, bei fallenden Preisen und mit immer mehr Funktionen. Nur: Was ist nötig? Was Schnickschnack? Wo sollte man abwarten? Wohl dem, der mit Plan durch Media Markt oder Saturn gehen und sinnvoll zukaufen kann. Da stehen im Regal: DVB-T, also digital-terrestrisch fernsehen (sinnvoll, weil keine Kabelgebühren mehr anfallen), der flache LCD-Bildschirm (auch wenn laut Prognose 2004 zehn Millionen LCD-Fernseher verkauft werden – die Bildqualität der LCD-Schirme ist noch nicht ausgereift, verglichen mit den billigeren Bildröhren) und die Settop-Box für interaktives Fernsehen, mit E-Mail, Video on Demand und Internet-Zugriff (abwarten, weil nicht abzusehen ist, welche Systeme sich einheitlich durchsetzen).

Und natürlich DVD, vor allem DVD-Recorder. Recorder mit Festplatten-Laufwerken wie der „HiFi-Test“-Sieger Pioneer DVR-5100H-S (899 Euro) oder ohne Festplatte wie der „Chip“-Testsieger von JVC (620 Euro), dazu neuere TV-Geräte wie der Loewe Nemos 32 DR+ (2000 Euro) oder Philipps 2700 E (2600 Euro, inklusive Rack) mit integrierten Festplatten. Wozu Festplatten? Sie ermöglichen „das Aufnahmeverfahren der Zukunft“, sagt Roland Stehle, Sprecher der Gesellschaft für Unterhaltungskommunikation (gfu). Vor allem auch wegen „Time Shift“, zu deutsch: zeitversetztem Fernsehen. „Time Shift“ macht den Fernsehzuschauer daheim zum Regisseur. Mit einem Knopfdruck kann das Programm jederzeit unterbrochen werden, auch wenn es am spannendsten ist. Während einer Fußball-Übertragung oder eines Krimis, wenn man auf Toilette muss, wenn das Telefon klingelt oder wenn die Kinder plötzlich stören. Die laufende Sendung wird im Hintergrund (von der Festplatte) aufgenommen und kann zu einem späteren Zeitpunkt weiter angesehen werden. Wem die zwei Zeitlupen zur Abseits-Entscheidung, die ARD oder ZDF anbieten, nicht genügen, kann sich die Situationen x-mal in Eigenregie anschauen, ohne etwas zu verpassen. Das gilt auch für knifflige Situationen in Formel-1-Rennen. Die nächste Werbepause mit 128facher Geschwindigkeit übersprungen, und schon ist man wieder live dabei.

Unglaublich eigentlich. Vor 20 Jahren war es schon eine technische Sensation, wenn man das Haus verlassen konnte, und der Videorecorder zeichnet die Lieblingssendung auf. Festplattenrecorder sind der nächste Schritt in Sachen Verfügbarkeit von Zeit und Fernsehen. Fragt sich nur, wer beim „Time Shift“ über wen verfügt. Ein bisschen erinnert zeitversetztes Fernsehen an die „grauen Herren“ aus Michael Endes „Momo“, die immer mehr Menschen veranlassen, Zeit zu sparen. Aber in Wirklichkeit könnten die Menschen um diese ersparte Zeit auch betrogen werden. Je mehr die Menschen daran sparen, desto hastiger und kälter wird ihr Dasein. Schließlich kann so ein zeitversetzter Fernsehabend ewig dauern. Erst 90 Minuten lang Zeitlupen ansehen und hinterher dann noch das ganze Spiel. Die eigene Fußball-EM per Knopfdruck. Keiner verlässt das Haus.

Wie auch immer. Leute, die schon mal „Time Shift“ probiert haben, wollen nicht mehr drauf verzichten. Der Saturn-Verkäufer rät zum Extra-DVD-Recorder mit Festplatte, „weil vollintegrierte Lösungen störungsanfälliger sind“. Wenn da was auf der Festplatte kaputt ist und repariert werden muss, ist der ganze Fernseher weg. „Nicht unbedingt“, sagt der gfu-Mann, „die All-in-One-Fernseher bilden eine zuverlässige Einheit, haben eine Bedienphilosophie“. Sicher ist bei der großen Fernseh-Lösung: weniger Fernbedienung, weniger Kabelgewirr. Als Faustregel gilt: Wer sich vor ein, zwei Jahren einen neuen Fernseher gekauft hat, fährt besser mit dem – preiswerteren - DVD-Festplatten-Recorder. Das hat auch einen Vorteil. Vorläufige Aufnahmen können nur per DVD archiviert werden. Oder bei Niederlage: einfach löschen und wieder überspielen. Bis zu 102 Stunden passen auf so eine Festplatte. Um einen 90-Minuten-Film von Festplatte auf DVD oder umgekehrt zu kopieren, benötigt der Pioneer-Recorder vier Minuten.

So könnte 2004 das Jahr der Festplattenfernseher und DVD-Recorder werden, nicht nur wegen EM und Olympia. Nach gfu-Angaben sollen in Deutschland 2004 rund 710 000 Geräte verkauft werden. Das sind 145 Prozent mehr als im Vorjahr. In den laufenden zwölf Monaten sind bereits 32000 Festplatten-Receiver abgesetzt worden, 75 Prozent mehr als im Jahr 2003. Als ob die Menschen dem Fernsehen auf diese Weise einen neuen Kick geben wollten. Aber ob nun Pioneer oder Loewe, Festplatten-Fernseher oder DVD-Recorder, eines schaffen auch die intelligentesten Geräte nicht: neue Bilder erzeugen. Fernsehprogramme werden auch zeitversetzt nicht besser. Revolution der Fernsehgewohnheiten? Vielleicht, aber irgendwann ist die Fußball-EM wieder vorbei.

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