Medien : Kein Wein, kein Weib, kein Gesang

Talkshows im Fernsehen sind zahm geworden. Das liegt auch, aber nicht nur an den Gästen

Birte Hedden

Model Heidi Klum steckt sich bei „Beckmann“ Weingummi zwischen die Zehen, Helmut Schmidt raucht eine Zigarette nach der anderen, und manch anderer Talkshow-Gast verliert vor laufender Kamera nach dem Genuss von zu viel Alkohol schon mal die Kontrolle über sein Sprechwerkzeug. Vom Skandal, vom „Aufreger“ ist das alles meilenweit entfernt. Trotzdem regen sich Zuschauer von Talksendungen auf. Gerade erst über Amelie Fried. Die Schriftstellerin, die zusammen mit Giovanni di Lorenzo die Talkrunde „3 nach 9“ bei Radio Bremen moderiert, hatte sich freundlich gegenüber rauchenden Gästen geäußert. Das war militanten Nichtrauchern zu viel. Kurzerhand schickten sie Fried beleidigende E-Mails. Die Moderatorin stellte Strafanzeige.

Was also dürfen Gäste in Talkshows? Soll doch ein möglichst entspanntes Gespräch geführt werden. Auf dem heimischen Sofa behilft man sich mit einem Glas Wein, Knabbereien und manchmal mit einer dicken Zigarre. Vor dem Bildschirm ist aber nicht das Gleiche wie vor der Kamera. Im Fernsehen sind die Erwartungen an die Gäste – und ihr Benimm – höher. Oder nicht?

„Pünktlich und unterhaltsam sollen die Gäste sein“, sagt Jörn Wöbse. Der Redakteur, verantwortlich für „3 nach 9“, bedauert, dass die Runden langweiliger geworden seien. Die Leute halten sich eher an Konventionen. „Richtige Originale gibt es nicht mehr“, sagt Wöbse. Originale, die sich nicht scheuten, vor der Kamera über die Stränge zu schlagen. Das bemerken auch andere Talkshow-Produzenten. Bei „Sabine Christiansen“ sei noch nie darüber diskutiert worden, ob während der Sendung geraucht werden darf. „Die Gäste tun es einfach nicht“, sagt Georg Ramme von der Produktionsfirma TV 21.

Clemens Teichmann, verantwortlicher Redakteur für die „NDR-Talkshow“, führt dies darauf zurück, dass es vor 30 Jahren nicht so viele Talkshows im Fernsehen gab und die Gäste einfach nicht wussten, wie sie sich verhalten sollen. „Heute ist alles professioneller geworden“, sagt Teichmann.

Friedrich Küppersbusch, der für n-tv Formate wie „Maischberger“ produziert, ärgert sich darüber, dass die Leute, wenn die Kameras aus sind, beim entspannten Rauchen über das in der Sendung Gesagte herziehen. Würden die Gäste durch Zigaretten immer so locker, würde er ihnen das Rauchen auch während der Sendung erlauben. Doch eine verrauchte Atmosphäre sei bei der intimen Bildregie von „Maischberger“ nicht angebracht, so Küppersbusch.

Bei allen Talkshows gilt: „Der Gast ist Gast und soll sich wohl fühlen.“ Das ist bei „Riverboat“ des MDR und der NDR-Talkshow nicht anders als bei Johannes B. Kerner oder Beckmann. Doch das Image der Sendung und die Selbstinszenierung der Gäste stehen klar über diesem Wahlspruch. Heute läuft vieles gesitteter ab als noch in den 70er Jahren. Damals konnte man die Gäste hinter dem sich ständig erneuernden Zigarrenrauch-Schleier oft nur vermuten. Mittlerweile haben Personaltrainer und Imageberater ihre Klienten gezähmt und für die Kameras präsentabel gemacht. Trinken und Rauchen im Studio sind out. Doch vor und nach dem Auftritt kommt es mitunter zu überraschenden Wandlungen: Vor-der-Kamera-Nichtraucher rauchen hinter der Kamera Kette.

Clemens Teichmann sagt, „der Trend geht hin zum Wasser.“ Zum stillen Wasser. Das klingt nach Warmduschern, Frauenverstehern und anderen Langweilern. Liegt nicht im Wein die Wahrheit? Doch wenn der Gast nicht will, müssen sich die Moderatoren etwas anderes einfallen lassen, um ihre Sendungen lebendiger zu machen. So wie der Theaterregisseur Christoph Schlingensief. Der brachte mit seiner Sendung „Talk 2000“ bei RTL und später bei Sat 1 Ingrid Steeger, Rudolph Moshammer und Gotthilf Fischer zur Verzweiflung. Durch Beleidigungen, minutenlanges Schweigen und Schlägereien. Nur der Grandseigneur der gesteuerten Provokation, Harald Schmidt, schien Gefallen an dem unberechenbaren Format zu finden.

Heute, alles Schall und Rauch? Eben nicht. Heute werde in Talkshows insgesamt weniger geraucht, sagt Clemens Teichmann. Obwohl es den Gästen in vielen Gesprächssendungen freisteht, mächtig zu inhalieren. So auch in der „NDR-Talkshow“. Einzige Ausnahme: Wenn Opernstars da sind. Manchmal werde auch was an der Sitzordnung verändert. „Vor allem Frauen wollen nicht direkt neben Rauchern sitzen“, sagt Teichmann. Auch die Bremer Talkshow „3 nach 9“ will keine rauchfreie Zone sein. Vorausgesetzt, alle Teilnehmer sind mit dem Rauchen einverstanden. „Kein Gast hat bisher das Rauchen der anderen abgelehnt“, sagt Jörn Wöbse. Selbst die Zuschauer im Studio bekommen kurz vor der Sendung die Gelegenheit zu gehen, wenn sie nicht wollen, dass in ihrer Nähe geraucht wird. „Es geht aber nie einer“, sagt Wöbse.

Allein bei der ZDF-Sendung „Berlin Mitte“ ist Rauchen ausdrücklich verboten. Das sei aber nicht so wichtig, heißt es aus der Redaktion. „Berlin Mitte“ konzentriere sich darauf, was die Gäste sagten, nicht was sie täten oder anzögen. Die wilden Zeiten der Fernseh-Talkshows sind vorbei.

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