Medien : Keine Freude, nirgends

Jürgen Vogel und Christiane Paul im Ehe-Drama

Thilo Wydra

Was ist, wenn man die Kontrolle verliert? Über sein Leben. Über Berufliches. Man verliert den Halt, die Sicherheit, den Boden unter den Füßen. Dieses bedrohliche Gefühl zieht sich latent schleichend durch den ganzen Film, den Christian Görlitz auf der Basis des von ihm und Bernd Sülzer verfassten Drehbuchs inszeniert hat – „Außer Kontrolle“. Das Gefühl, dass nichts sicher ist im Leben, dass nichts so ist, wie es scheint.

„Welche Wahrheit willst du hören?“, heißt es an einer Stelle. Das mag symptomatisch sein für die Beziehungen der vier Protagonisten untereinander, des Paares Jörg (bravourös: Josef Bierbichler) und Lisa (Christiane Paul), des Paares Dieter (Jürgen Vogel) und Sylvia (Suzanne von Borsody). Jörg, ein in die Jahre gekommener Romanistikprofessor, trinkt, ist ein in Selbsthass vergehender Zyniker und stellt Theorien über seinen bevorstehenden Suizid an. Er kümmert sich nicht um seine junge attraktive Frau Lisa, um das gemeinsame asthmakranke Kind Charlotte, und Lisas Comebackversuch als Sängerin ist ihm ein Gräuel. Sie sind befreundet mit Dieter und Sylvia, deren Liebe längst erloschen und in einseitige Abhängigkeit der älteren Museumsrestauratorin von dem jüngeren Journalisten umgekippt ist. Dieter und Sylvia, sie haben sich eigentlich gar nichts mehr zu sagen. Irgendwann, als Gewalt ins Spiel kommt, da beginnen Lisa und Dieter eine Liaison mit fatalen Folgen. Nichts mehr wird so sein, wie es einmal war.

„Außer Kontrolle“ wird in Rückblenden erzählt, die äußere dramaturgische Klammer ist, dass Josef Bierbichler in einer Klinik in einem Rollstuhl sitzt, vor ihm ein Fernseher flimmert. Zu sehen ist Lisa, wie sie singt. Mit seiner Hand streicht er über den Bildschirm. Alles scheint, nein, ist vorbei. Regisseur Görlitz erzählt dieses Psychodrama distanziert, kühl, beinahe emotionslos. Auch die klaren schnörkellosen Bilder von Kameramann Johannes Geyer sind es. Gerade durch diese Erzählhaltung entwickelt sich die hohe Emotionalität des Films, sind die Fallhöhen der vier Personen geradezu spürbar. Und ihr schmerzliches Aufprallen. Es ist ein allmählicher Zersetzungsprozess, ein Zerfall, den Görlitz und Koautor Sülzer da beschreiben, ein Prozess, an dessen Ende der Kontrollverlust steht und das Unwissen darüber, was wirklich die einzig gültige Wahrheit ist, so es sie denn überhaupt gibt.

Das ZDF zeigt zur Primetime durchaus Wagemut. Es gibt hier schlicht nichts Schönes, nichts Unterhaltsames, nichts Belustigendes, keine rosaroten Weichzeichner. Sozusagen ein anspruchsvoller Kontrapunkt zum hauseigenen seichten Fernsehsonntag mit Pilcher, Lindström & Co. Gut so.

„Außer Kontrolle“, ZDF, 20 Uhr 15

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