Medien : Keine Panik auf der Titanic

Tom Peuckert

Heute wird Udo Lindenberg 60 Jahre alt. Der charmanteste Rocker, den Deutschland je hervorgebracht hat. Gut zwei Jahrzehnte lang näselte sich Udo quer durch die Hitparaden und seine Fans schüttelten lässig ihr langes Haar. Es war ja nicht der schlechteste Teil der deutschen Jugend, der Udo einst kultisch verehrte. Zum runden Jubiläum gibt es nun einen berühmten Konzertmitschnitt noch einmal zu hören. „Livehaftig“ heißt Lindenbergs Doppelalbum aus dem Jahr 1979. Dokument einer Konzertreise, die damals von Regisseur Peter Zadek theatralisch betreut wurde. Kenner halten „Livehaftig“ für Lindenbergs beste Liveplatte. Udo in Bestform, Ohrwürmer am laufenden Band (Deutschlandradio Kultur, 17. Mai, 20 Uhr 03, UKW 89,6 MHz)

Wie kann man von den Opfern erzählen, die der rechtsextreme Terror im wiedervereinigten Deutschland gefordert hat? Die Autorinnen Inka Bach und Regine Ahrem haben sich zu einem Purismus der besonderen Art entschlossen. „Wer zählt die Opfer, nennt die Namen?“ heißt ihr Hörspiel. Bach und Ahrem haben die Opfer gezählt und nennen ihre Namen. Ein ganzes Hörspiel lang. Die Liste der Toten und die Umstände, unter denen sie ihr Leben verloren haben. Totgeschlagen, erschossen und erstochen. Von Hetzmeuten, betrunkenem Pöbel, fanatisierten Einzeltätern. Ein enervierender Klagegesang, eine brutale Litanei. Und damit vielleicht eine angemessene Reaktion auf die Unerträglichkeit der Gewalt. „Ein deutsches Requiem“, so der Untertitel des Hörspiels (Deutschlandradio Kultur, 17. Mai, 21 Uhr 33).

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Bis zur Weltmeisterschaft sind es nur noch ein paar Tage, da wird aus einem Leipziger Fluss eine Leiche geborgen. Ein junger Mann, Nachwuchsfußballer mit hochfliegenden Ambitionen. Alle Zeichen deuten auf Mord. Ganz in der Nähe des Tatorts liegt das Zentralstadion, in dem bald die Welt zu Gast sein soll. In der Tatnacht gingen im Stadion für einen Augenblick die Flutlichter an. Ein gespenstisches Ereignis, das nur Sportreporter Haertel bemerkt hat. Früher war Haertel mal eine Mediengröße, jetzt trinkt er viel. Die ermittelnde Kommissarin mag Fußball eigentlich nicht, aber nun darf sie einen ganzen Fall lang an nichts anderes denken. „Strafstoß“ heißt der amüsante Krimi von Andreas Knaup (Deutschlandradio Kultur, 21. Mai, 15 Uhr 05)

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In einem Abrisshaus der Dresdener Altstadt finden Arbeiter ein paar alte Schulhefte. Säuberlich eingeschlagen in Blümchenpapier und voll geschrieben mit den Alltagsnotizen einer Unbekannten. In akribischer Miniaturschrift hat eine Frau hier zwei Jahrzehnte lang ihre täglichen Erlebnisse vermerkt. Als die Hefte einem Künstler in die Hand fallen, erkennt er sofort Symptome einer dramatischen Zwangsneurose. Zumal die Notate der Frau mit den Jahren immer wirrer werden, sich in Geheimsprachen und fantastischen Ideen verlieren. „Kühe und Kälber ließ der Himmel herabfallen“ heißt das Hörstück, das Klaus Buhlert nach den Texten der Unbekannten aus Dresden inszeniert hat. Das faszinierende Dokument eines Bewusstseinszerfalls, die detailreiche Chronik eines Abstiegs in den Wahn, der sich in häuslicher Intimität unbemerkt vollzieht (Deutschlandradio Kultur, 21. Mai, 18 Uhr 30).

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