Medien : Keine Spitzel in der Spitze

Mehr als 100 Stasi-Mitarbeiter waren auf die ARD angesetzt. Weit kamen sie nicht

Robert Ide

Das Ehepaar war beängstigend gewissenhaft. Ortrud und Karl-Heinz Reinsch, eine Autorin für Hörspiele und ein Programmplaner für den Saarländischen Rundfunk, archivierten alles, was durch ihre Finger ging: Gebäudepläne des Senders, Mitschriften aus Sitzungen, Zuschriften von Hörern aus der DDR. Ihre Sammlung schickten die beiden nach Ost-Berlin – an ihre Dienstherren vom Ministerium für Staatssicherheit. So sehr identifizierte er sich mit dem ostdeutschen Spitzelsystem, dass der gelernte Ingenieur Reinsch auch Material lieferte, das die Stasi zur Vorbereitung von Anschlägen auf Medien im westdeutschen „Operationsgebiet“ nutzen wollte. Sogar einen Plan zur Sprengung von Zügen der Bundesbahn dachte sich Reinsch aus; die Sprengladung sollte mit Lichtsensoren verbunden werden, damit sie im Tunnel explodiert. Der Stasi aber war das nicht gewissenhaft und Angst einflößend genug. Sie lehnte den Plan ab, da eine durch Lichtsensoren ausgelöste Sprengung „nur bei Tageslicht“ möglich sei.

Die Geschichte aus dem Saarland ist das bizarrste Beispiel der DDR-Spitzelarbeit im westdeutschen Rundfunk und Fernsehen. Sie ist dokumentiert in einer 1095 Seiten dicken Studie über den Einfluss der Stasi auf Sender in Ost und West, die im Auftrag der ARD entstand. Nun wurden die Ergebnisse präsentiert, heute und morgen zeigt das Erste dazu zwei Dokumentationen. Resümee der hausinternen Geschichtsshow: Trotz der Bearbeitung mit mehr als 100 Spitzeln konnte die Stasi die ARD nicht unterwandern. „Die Sammelwut war zwar erschreckend“, sagte Projektleiter Jochen Staadt vom Forschungsverbund SED-Staat. „Aber in die Sendeleitung hat es kein Spitzel geschafft.“

In der ARD hat die Selbstreinigung dennoch wenig Jubel ausgelöst. Zunächst wird nicht mal die Hälfte der Studie veröffentlicht. Die Kapitel über die Wirkung der Stasi in den einzelnen Anstalten fehlen. Begründung: Nach dem Urteil zur Sperrung der Akte Helmut Kohls können nicht mehr alle Namen veröffentlicht werden, die in Stasi-Protokollen vorkommen. Die Veröffentlichung soll nun bis Ende des Jahres erfolgen; zuvor sollen die Einwilligungen Betroffener eingeholt werden. Auch eine dritte TV-Dokumentation über die Stasi im DDR-Fernsehen wird verschoben. Es habe „Unzulänglichkeiten in der Recherche“ gegeben, sagte der Intendant des Saarländischen Rundfunks (SR), Fritz Raff.

Manche Anstalt dürfte froh darüber sein. Durch die Recherchen wurde im SR die Verstrickung des Mitarbeiters Rainer Grau bekannt. Eigentlich sollte der Jurist für die Stasi Informationen aus dem Nato-Hauptquartier liefern, doch da er das Staatsexamen nicht schaffte und bei der Nato keine Stelle bekam, spitzelte er in Saarbrücken. „Wir prüfen, wie wir mit dem Fall umgehen“, sagte SR-Chef Raff. Zunächst sei der Mitarbeiter in Urlaub gegangen, Beiträge für den Sender wird er danach wohl nicht mehr produzieren.

Der Fall zeigt Probleme der Sender mit der Vergangenheit. Auch MDR-Unterhaltungschef Udo Foth, der bereits eine Stasi-Prüfung des Senders überstand, dürfte sich wegen seiner IM-Akte „Karsten Weiß“ neuen Vorwürfen ausgesetzt sehen. Das Dossier war – wie fast alle IM-Verdachtsfälle in der Studie – weitgehend bekannt. Durch die Zusammenführung mit Opferakten und Strategieplänen der Stasi könnte es in neuem Licht erscheinen. MDR-Intendant Udo Reiter sieht dennoch keinen Grund, im Fall Foth „etwas aufzugreifen“ – und lobt lieber die grundsätzlichen Kapitel der Studie.

In der Tat ist das vorliegende Werk ein Gewinn. Fast 200 000 Aktenseiten hat Marianne Birthlers Behörde für Stasi-Unterlagen vorgelegt. Sie zeigen die Gründlichkeit der Stasi: So wurde das ARD- Büro in Ost-Berlin überwacht, Korrespondenten wurden verfolgt oder gar ausgewiesen. Journalisten, die durch die DDR reisten, bekamen Desinformationen zugespielt. „Bedrückend ist, dass es der Stasi zeitweilig gelang, Sendungen über die DDR zu schönen“, sagt Birthler.

Die Sender aus dem Westen waren für den Spitzeldienst immer ein Feind. „Ausgehend von DDR-Verhältnissen dachte die Stasi, die ARD sei vom Bundespresseamt gesteuert, und Korrespondenten seien Geheimdienstleute“, bilanziert ARD-Chefhistoriker Dietrich Schwarzkopf. Um eine ideologische Gegenöffentlichkeit zu den in der DDR empfangbaren Westsendern herzustellen, wurde das eigene Fernsehen unterwandert. Mehr als fünf Prozent der Mitarbeiter in wichtigen DDR- Redaktionen waren für Erich Mielkes Ideologiepolizei tätig. In einem internen Vermerk beklagte die Stasi jedoch: „Nicht wenige Genossinnen und Genossen setzen sich den Westmedien aus.“

„Operation Fernsehen“, ARD, Mittwoch und Donnerstag, 23 Uhr

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