Medien : Keine Titel-Geschichte: "Spiegel" wehrt sich gegen Kritik an Reporter Andreas Lorenz

Robert Ide

Im Hamburger Verlagshaus des "Spiegel" gibt man sich gelassen. "Wir sind Kummer gewohnt", sagt Sprecher Heinz P. Lohfeldt, wenn er auf Kritik am Verhalten des Magazins beim Geiseldrama auf der philippinischen Insel Jolo angesprochen wird. Am Donnerstag war der gekidnappte "Spiegel"-Reporter Andreas Lorenz nach 25 Tagen Haft von einer Splittergruppe der moslemischen Abu-Sayyaf-Rebellen freigelassen worden. Sofort hatte er sich auf den Weg nach Hamburg gemacht, wo er am Freitag morgen eintraf - rechtzeitig vor Redaktionsschluss, wie kritische Stimmen anmerkten.

"Wir freuen uns über die Freilassung unseres Kollegen", erklärte Chefredakteur Stafan Aust nach der Freilassung. "Tun Sie das nicht wieder", sagte dagegen der Verhandlungsführer der philippinischen Regierung, Aventajado. Mehrmals hatte sich die staatliche Seite verärgert über den Reporter gezeigt, der bereits im Juni gemeinsam mit anderen Journalisten von Rebellen entführt worden war. Damals kam die Gruppe gegen ein Lösegeld von 52 000 Mark frei. Entgegen aller Warnungen hatte Lorenz jedoch weiter recherchiert. Nach seiner zweiten Freilassung sagte er zu, vorerst nicht mehr nach Jolo zu reisen - Lorenz will erst mal ein paar Tage Urlaub machen. Einen anderen Reporter wird der "Spiegel" zunächst nicht in die Krisenregion schicken.

Trotzdem, das Magazin will weiter von politischen Brennpunkten berichten. Die Berichterstattung sei wichtig, um das öffentliche Interesse wach zu halten, heißt es. Lohfeldt: "Ohne Familie Wallert und Herrn Lorenz würde das Thema kaum noch Beachtung in Deutschland finden." In den USA gebe es inzwischen nur noch wenige Berichte über das seit Ostern andauernde Geiseldrama. Allerdings gibt Lohfeldt zu bedenken: "Das letzte Risiko trägt der Reporter."

Lorenz konnte sich immerhin auf seinen Arbeitgeber verlassen. Der "Spiegel" hatte direkt mit den Entführern verhandelt. Der Leiter der Auslandsredaktion, Olaf Ihlau, war eigens auf die Philippinen gereist. Dort pendelte er zwischen dem Dschungel und der Stadt Zamboanga hin und her - "mehrmals mit Taschen", wie die ARD lakonisch kommentierte. Auch am Freitag wollte der "Spiegel" die Spekulationen über ein mögliches Lösegeld von bis zu zwei Millionen Mark nicht bestätigen. Dementieren aber auch nicht. "Über die Modalitäten sprechen wir nicht", beharrte Lohfeldt. 14 Personen, darunter fünf Journalisten sowie Marc und Werner Wallert, befinden sich weiter in Gefangenschaft.

Am Freitag um 9 Uhr 50 schwebte Lorenz mit seiner Frau Jutta Nietsch in Hamburg ein. Chefredakteur Aust und eine aufgeregte Schar von Journalisten erwarteten ihn. Aust nahm Lorenz gleich mit zur Frühkonferenz des Magazins. Natürlich sollte noch ein Bericht über die 25-tägige Geiselhaft ins Blatt. Eine Titelgeschichte will der "Spiegel" jedoch nicht daraus machen. "Das Thema Luftverkehr bewegt die Leute derzeit mehr", heißt es aus Hamburg.

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