Medien : Keiner bleibt verschont

Ulrike Simon

"Der Verlag ist in einer sehr guten Verfassung, besser als zu der Zeit, als ich ihn übernommen habe", diktierte August A. Fischer, Vorstandschef des Axel Springer Verlags, vor fünf Monaten einem "Focus"-Redakteur in den Block. Tatsächlich übernahm Fischer, der mit Vornamen "Gus" genannt werden will, am 1. Januar 1998 ein Unternehmen, das 211 Millionen Mark Gewinn machte. Wenn er es in zwei Monaten seinem Nachfolger Mathias Döpfner übergibt, wird Springer vielleicht erstmals in seiner Geschichte rote Zahlen schreiben. "Es wurden so viele Luftschlösser gebaut, jetzt müssen wir das Lehrgeld bezahlen", sagte am Freitag ein führender Mitarbeiter des Verlages.

Jede zehnte Stelle wird gestrichen, 1400 der 14 000 Mitarbeiter müssen bis Ende 2003 gehen. Damit hätte Springer dann wieder den Stand aus der Zeit vor Fischers Amtsantritt erreicht. Der Ausbau bestehender Objekte, die neuen Internet-Aktivitäten und die Tatsache, dass Beteiligungen neu ins Konsolidierungsergebnis einflossen, gab Springer im Sommer als Grund für den Mitarbeiteranstieg und den damit verbundenen Personalaufwand an. Auch das Problem der Scheinselbstständigkeit im Zuge des neuen 630-Mark-Gesetzes trug dazu bei. 100 Millionen Euro kostete der zusätzliche Personalaufwand nach Angaben von Fischer.

Die Stellen sollen konzernweit abgebaut werden. Kein Bereich ist ausgenommen, das gilt auch für die Redaktionen. Die Streichungen sollen jedoch nicht nach dem "Rasenmäher-Prinzip" vorgenommen werden - "so wie es vor einigen Jahren der Unternehmensberater Berger machte", sagt Detlef von Stürmer, stellvertretender Betriebsratschef am Hamburger Springer-Standort. Der Abbau soll sozialverträglich erfolgen. Betriebsbedingte Kündigungen sind zwar nicht von vornherein ausgeschlossen. Sie seien jedoch "das letzte aller Mittel" und würden, so gut es geht, vermieden, sagt Verlagssprecherin Edda Fels. Zuvor würden sämtliche anderen Maßnahmen ausgeschöpft: angefangen von Altersteilzeit über natürliche Fluktuation bis zu einer sehr restriktiven Einstellungspolitik. Ein Einstellungsstopp wurde bereits Anfang des Jahres ausgesprochen. Das heißt jedoch nicht, dass freiwerdende Posten nicht doch mit Mitarbeitern von außen besetzt würden. Jede Neubesetzung werde jedoch genauestens auf ihre Notwendigkeit überprüft, sagt Fels.

Wo nun genau wie viele Stellen wegfallen sollen, das sei nicht entschieden. Auch ein Sozialplan existiert bislang nicht. Zwar gebe es Vorstellungen, "wir sind aber noch nicht soweit, dass wir etwas kommunizieren könnten", sagt Fels. Tatsächlich wird bei Springer schon länger auf Sparkurs gefahren. Die offizielle Mitteilung zeigt lediglich das Ausmaß. "Wir wollten Klarheit schaffen, die Verunsicherung beenden", so Fels.

Die Stimmung bei Springer ist trotzdem mies. Viele denken jetzt an Fischers Vision, mit Springer groß ins Fernsehgeschäft einzusteigen. Draus geworden ist nichts. Mehr bringt der Ausstieg. Wann und wie die 1,5 Milliarden Mark für den Verkauf des Sat-1-Anteils an Kirch in die Springer-Kasse fließen, ist noch offen. Fischers Bilanz wird das jedenfalls nicht verschönern. Viel Geld versenkt wurde auch bei den von Döpfner forcierten Online-Engagements. Und letztlich redet man auch wieder von den immens gestiegenen Vorstandsbezügen. Gus Fischer, der sich schon mit 50 in die Golf-Rente verabschiedet haben wollte, wird für seine Springer-Arbeit mehr als großzügig entlohnt. "Angesichts der Tatsache, dass alle den Gürtel enger schnallen müssen, passt das einfach nicht in die Landschaft. Ich finde das unmoralisch", sagt von Stürmer.

Das von Fischer forcierte Investitionsprogramm bleibt von den Sparmaßnahmen unberührt. Einen strategischen Kurswechsel gibt es nicht. Vielmehr trage das Sparprogramm dazu bei, dass weiterhin "Investitionen in die Zukunftssicherung" fließen können. Gemeint sind damit unter anderem auch der Neubau in Berlin und die technische Modernisierung von Druckereien.

Springer versucht, den Gewinneinbruch und die schmerzlichen Konsequenzen allein mit der Konjunkturlage zu begründen. Tatsächlich trifft der Anzeigenschwund alle Verlage, tatsächlich dürfte der Anstieg der Papierpreise einen Verlag wie Springer, der vor allem hochauflagige Massentitel herausgibt, stärker treffen als andere Häuser. Dennoch: Der Gewinn und die Renditen sanken bei Springer schon länger. Um genau zu sein, sinken sie, seitdem Fischer im Amt ist.

In zwei Monaten wird Fischer das Haus endgültig verlassen. Der Mann mit dem penibel gezogenen Seitenscheitel und der gelben Krawatte, der in der öffentlichen Wahrnehmung wenig präsent ist, übergibt die Geschäfte dann vollends Mathias Döpfner. Er ist im Vorstand für den Kernbereich Zeitungen und das für ihn zukunftsträchtige Online-Geschäft zuständig. Also für jenen Bereich, in dem Anzeigen und zum Teil auch die Auflagen sinken, und jenen Bereich, der bislang mehr kostet als einbringt. In der Praxis wird Döpfner aber schon längst als der eigentliche Lenker gesehen. Auch das Sparprogramm trägt seine Handschrift - obgleich es von Fischer unterschrieben ist. "Immerhin eine noble Geste, dass Fischer die Verantwortung für diesen unangenehmen Schritt übernimmt", sagt ein Mitarbeiter.

Die spannende Frage ist, wo denn nun gespart wird. Und wie. Und ob ein Objekt, wie die "Welt" etwa, das nur existieren kann, weil seine Verluste vom Gewinn anderer gedeckt wird, größere Einschnitte vornehmen muss. "Grundsätzlich ist die Sparvorgabe unabhängig davon, wie gut oder wie schlecht es den einzelnen Objekten geht", sagt Fels. "Jeder Bereich hat seinen Beitrag zu leisten. Das ist mal mehr, mal weniger." Zudem sei auch zu berücksichtigen, dass einige Bereiche schon auf die Kostenbremse getreten haben. Als Beispiel nennt sie die "Bild"-Zeitung, die durch die Zusammenarbeit mit "Bild am Sonntag" bereits viel kostengünstiger arbeite. Dort wurden auch die Regionalredaktionen Wiesbaden und Bielefeld geschlossen, Chemnitz ist zu einem Korrespondentenbüro geschrumpft, die Zentrale des Springer-Auslandsdienstes ist aufgelöst. Und nach wie vor gibt es die Überlegung, die Zusammenarbeit mit dpa einzuschränken und auf die Kirch-Agentur ddp umzuschwenken.

"Nur ein rigoroser Sparkurs schafft die Voraussetzungen für unseren zukünftigen unternehmerischen Handlungsspielraum", begründete der noch amtierende Vorstandsvorsitzende August Fischer am Donnerstag die Stellenstreichungen. Zu Beginn seiner Tätigkeit bei Springer hatte er immer gewarnt: "Um unsere publizistische und unternehmerische Unabhängigkeit zu wahren, brauchen wir wirtschaftliche Stärke und Ertragskraft." In schlechten Zeiten gibt es immer Nutznießer, die größeren Einfluss geltend machen wollen. Dieser Gefahr will sich Döpfner, der sich vom Einfluss des 40-Prozent-Aktionärs Kirch frei sehen möchte, nicht aussetzen.

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