Keiner kann's wie RTL : Ratten und Raten

Ist RTL zu stark, sind ARD und ZDF zu schwach. Es gibt eine Zweiteilung bei der Show-Unterhaltung des Fernsehens. Beim Publikum, bei den Formaten, beim Erfolg..

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Zwillinge öffentlich-rechtlicher Show-Unterhaltung, das sind Kai Pflaume (links) und Jörg Pilawa. Beide moderieren in vergleichbarer Manier Ratespiele. Fotos: NDR/ZDF
Zwillinge öffentlich-rechtlicher Show-Unterhaltung, das sind Kai Pflaume (links) und Jörg Pilawa. Beide moderieren in...Foto: NDR/Thorsten Jander

Dieser Hinweis muss sein. Nicht Jörg Pilawa moderierte das „Star Quiz“ am Donnerstagabend im Ersten, es war Kai Pflaume. Pilawa hat zum ZDF rübergemacht, dafür ist Pflaume von Sat 1 zur ARD gewechselt. Das ist egal. Die P-Fraktion im deutschen Fernsehen ist bis in die Lachfalten hinein austauschbar, und weil Pflaume das eingeübte Format von Pilawa übernommen hat, kann man von einem glatten Übergang sprechen. Und die Gäste auf der Ratebank, darunter Veronica Ferres, Barbara Schöneberger, Johannes B. Kerner, Jan Hofer, saßen die nicht schon dutzende Male auf der Ratebank?

„Wir setzen auf wissensorientierte Unterhaltung“, sagt ein ARD-Sprecher. Dazu würden Shows mit Frank Elstner, Eckart von Hirschhausen oder auch Frank Plasberg gehören. Das ZDF setzt laut eigener Aussage seinen Weg der „unterhaltenden Bildung“ fort. Das alles ist elegant formuliert und edel in der Gesinnung, ZDF-Programmchef Thomas Bellut spricht vom „Standard der Anständigkeit“, doch ein Blick auf die Show-Unterhaltung der öffentlich-rechtlichen Sender macht klar, warum das junge Fernsehpublikum damit wenig bis sehr wenig anzufangen weiß.

„Wetten, dass ..?“ mit Thomas Gottschalk ist in der Abenddämmerung seines Erfolgs. Der „Musikantenstadl“ ist die quotenstärkste Samstagabendshow der ARD, läuft aber bereits seit 30 Jahren. Wie viele Leute bewegt es wirklich, wenn Jörg Pilawa mit „Rette die Million“ eine neue Show im ZDF moderiert? Da wird einem Trend hinterhergesprungen, den Günther Jauch mit „Wer wird Millionär?“ 1999 bei RTL startete.

Andy Borg, Carmen Nebel, Pilawa, Pflaume, Hirschhausen holen ordentliche Quoten, keine Frage, vier, fünf Millionen Zuschauer sind immer dabei. Doch wenn der öffentlich-rechtliche Auftrag lautet, ein Programm für alle zu machen, dann wird der Auftrag nicht erfüllt. Anders gesagt: Der „Musikantenstadl“ ist das „Dschungelcamp“ für die Zuschauer 50 plus, als Exzess schunkelnder Verlogenheit nicht besser, nicht schlechter als die RTL-Konkurrenz, anders eben. „Willkommen bei Carmen Nebel“ (ZDF) liegt bei Zuschauern unter 50 mit zwei oder drei Prozent Marktanteil nur knapp über der Wahrnehmungsgrenze. Die RTL-Dschungelshow hat in der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen um die 40 Prozent. Mehr Unterschied geht nicht.

Der frühe Thomas Gottschalk, Peter Frankenfeld, Hans-Joachim Kulenkampff, und erst recht Rudi Carrell, das waren zu ihrer Zeit Avantgardisten im Unterhaltungsfach. „Wünsch Dir was“ mit Dietmar Schönherr und Vivi Bach – durchsichtige Blusen, Menschen im Auto unter Wasser gefangen – hat sich mit seiner damaligen Originalität ins TV-Gedächtnis eingegraben. War das Geschrei damals leiser als heute, wenn „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus“, „DSDS“ oder „Das Supertalent“ wieder die Kulturnation zu verderben drohen? Von solcher Innovationskraft, von solchen Improvisationstalenten, von solchen Abenteuern ist im öffentlich-rechtlichen Zirkusrund nix geblieben. Die Kreativität der frühen Jahre ist verloren, sie wird – siehe „Verstehen Sie Spaß?“ – in Restposten verwaltet. Die ARD in ihrer ganz großen Not lässt sich vom Pro-7-Heros Stefan Raab den Eurovision Song Contest 2010 gewinnen und 2011 verteidigen.

RTL triumphiert. Im Januar liegt der Privatsender aus Köln bei den Marktanteilen im Gesamtpublikum mit bislang 15 Prozent vorne, die ARD-Dritten folgen mit 13,4 Prozent, das ZDF erreicht 12,9 Prozent. Das sind Lichtjahre der Distanz. Unterm Strich führen drei Faktoren zum Erfolg. Es gibt eine Gewöhnung an die RTL-Show-Spektakel. Das Naserümpfen über Krokopenisse und über Frauen, die mit ihren Brüsten Melonen zum Platzen bringen, die Entrüstung über eisenharte Kommentare zu absolut talentfreiem Vorsingen, all das hat nachgelassen. Wer diese Formate lauthals ablehnt, der kann noch auf evangelischen Kirchentagen mit einem kräftigen Applaus rechnen. Mit der Staffel V von „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus“, die heute mit der Krönung des „Dschungelkönigs“ endet, war RTL über zwei Wochen lang Gesprächsthema. Fast 7,5 Millionen Zuschauer schalteten im Durchschnitt jede Folge über die Ekelprüfungen mit Ratten und die Gruppendynamik mit Zicken im australischen Camp ein. Mag es am Casting liegen oder an den Teilnehmern selbst, der Dschungelkrieg stand deutlicher im Fokus als die Kritik an der bislang erfolgreichsten Dschungelshow.

Mit jedem Jahr, das RTL, Pro 7 und Co. länger senden, wächst das Reservoir jener Zuschauer, die mit diesem Fernsehen groß, wenn nicht erwachsen geworden sind. Es gibt nicht mehr nur eine Generation RTL im Fernsehpublikum, es sind zwei. Selbst der Tag ist nicht mehr fern, an dem „RTL aktuell“ die „heute“-Nachrichten im ZDF an Zuspruch übertreffen wird. RTL ist Gastgeber einer Mentalitätswelt geworden, in der die Öffentlich-Rechtlichen nur noch zu Gast sein dürfen. „Wir treffen den Nerv unserer Zuschauer in allen Genres“, sagt ein RTL-Sprecher und schließt neben der Unterhaltung auch die Information ein.

Der führende Privatsender RTL ist beileibe kein Innovationsmotor. RTL hat seine schon vor Jahren importierten Show-Formate auf Hochglanz poliert. „DSDS“, Dschungelcamp, „Das Supertalent“, da ist nix Neues dran und drin, und doch gelingt es, die Formate von Staffel zu Staffel stets mit neuer Attraktion und Anziehungskraft aufzuladen. Bei der Emotionskurve liegen „Musikantenstadl“ und das Dschungelcamp beisammen, Dirk Bach könnte sofort den dritten „Wildecker Herzbuben“ geben, trotzdem lösen die altbackenen Rituale der ARD-Show beim jungen Publikum Panikattacken aus.

Fernsehen, auch das RTL-Fernsehen, ist Gewöhnung an die ausgebildete Gewohnheit. Pizzaservice der anderen Art. Für ARD und ZDF erwächst daraus kein Trost. Sie holt Günther Jauch von RTL und hofft, dass der Fernsehkönig außer Talk auch Unterhaltung machen wird. Quiz, zum Beispiel.

„Das Winterfest der Volksmusik“, ARD, 20 Uhr 15,

„DSDS“, 20 Uhr 15, „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus“, 22 Uhr 15, RTL

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