Medien : Kelly-Affäre war gestern

Neue BBC-Spitze muss neues Vertrauen gewinnen

Matthias Thibaut[London]

Als Lordrichter Hutton im Januar seinen Bericht über den Selbstmord des Waffeninspektors David Kelly vorlegte und darin die BBC wegen journalistischer Fehler hart kritisierte, mussten innerhalb von 48 Stunden ihre beiden Führungskräfte zurücktreten: der Aufsichtsratsvorsitzende Gavyn Davies und der Generaldirektor Greg Dyke, der für das gesamte Programm und die Integrität ihrer rund 25 000 Mitarbeiter verantwortlich war. Mit den Rücktritten geriet die öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt in eine tiefe Vertrauenskrise.

Hier muss die neue BBC-Spitze ansetzen; sie ist seit Freitag komplett. Erst wurde der Film- und TV-Manager Michael Grade zum neuen BBC-Chairman berufen. Grade holte sich nun, mit dem Segen der „BBC-Governors“, des Aufsichtsgremiums, den Chief Executive des TV-Senders Channel 4, Mark Thompson, als neuen Director General. Die Medienbeobachter sind sich einig, dass Grade und Thompson das optimale Team bilden, um die BBC zu neuer Blüte zu führen.

Einfach wird das aber nicht. Denn 2006 muss die Grundverfassung der BBC, die „Charta“ erneuert werden. Es geht dabei nicht nur um die umstrittene Finanzierung durch die Rundfunkgebühren, sondern auch um die Formulierung der Aufgaben einer öffentlich-rechtlichen Anstalt im digitalen Sendezeitalter, in dem die bunte Vielfalt das verbindliche Grundprogramm für die Gesamtbevölkerung ersetzt. Die BBC hat viele Freunde, aber auch Neider – zumal bei der kommerziellen Konkurrenz, die auf die gebührenfinanzierten „JacuzziStröme von Bargeld" schielen. So formulierte es Thompson selbst, als er noch Chef von Channel 4 war.

Mark Thompson ist, wie Grade, ein alter BBC-Journalist. Er begann seine BBC-Karriere als 21-jähriger Oxford-Graduierter, war, wie Grade, BBC-Fernsehchef, wanderte dann, wie Grade, als Chief Executive an die Spitze des Channel 4. Wie Grade sorgte er dort für gute Quoten und manche Sensation. So strahlte Channel 4 die erste Fernseh-Autopsie aus und zeigte jüngst zum ersten Mal im britischen Fernsehen eine Abtreibung.

Nun muss Thompson die strategische Balance zwischen Quotenfang und dem Bildungs- und Informationsauftrag des öffentlich-rechtlichen Senders finden. Wie ARD und ZDF in Deutschland muss die BBC genug für alle bieten, um die Rundfunkgebühr zu rechtfertigen und sich dabei gegenüber kommerziellen Mitbewerbern als unverzichtbar zu profilieren. In ihrem jüngsten Bericht forderten die BBC-Governors „weniger Reality TV Shows und mehr Kultur- und Informationsprogramme". Thompson ließ noch nicht erkennen, wie er die Zukunft der BBC sieht. Seine Absicht dürfte es sein, den Universalanspruch der BBC zu verteidigen.

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