Medien : "Kennzeichen D": Der Vorarbeiter

Joachim Jauer

Es war in den ersten Tagen des November 1978 in Berlin. In einem ZDF-Dienstwagen mit offiziellem DDR-Autokennzeichen für Korrespondenten wurde ich morgens durch den Grenzübergang Prinzenstraße/Heinrich-Heine-Straße ins Außenministerium nach Ostberlin chauffiert. Acht Monate musste ich auf diesen Termin warten. Schon über ein halbes Jahr hätte ich als akkreditierter Korrespondent für das Zweite Deutsche Fernsehen aus der DDR berichten sollen. Doch die Herren des Außenministeriums und der Stasi ließen sich mit der Erteilung der Arbeitserlaubnis planmäßig Zeit. Für Hans-Jürgen Wiessner, damals Leiter des ZDF-Büros in der Clara-Zetkin-Straße, heute Dorotheenstraße, war im Frühsommer 1978 die Ostberliner Luft zu dick geworden. Deshalb, und weil meine Zulassung so lange auf sich warten ließ, sprang Ernst Elitz für ein paar Monate im ZDF-Büro als Ersatzmann mit Drei-Monats-Visum ein. Und Elitz war es auch, der mich dann durch die Mauer schleuste. Er begleitete mich zur Akkreditierung ins Außenministerium und half mir durch die DDR-Bürokratie beim Einholen der unzähligen Papiere und Stempel für Wohnung, Auto, Grenzempfehlung, Ein- und Ausreisevisum, Zoll und Außenhandelsbank. Am Abend vor der Rückkehr nach Westberlin feierten Elitz und ich mit den Kollegen des DDR-Büros in einer Kellerkneipe gleich nebenan. Es gab Mineralwasser und volkseigen gebrautes Bier und als "Gruß des Hauses für die Herren vom ZDF" den Berliner Hit jener Tage von den langen Nächten im unerreichbar fernen Nachbarbezirk Kreuzberg. Die "Kreuzberger Nächte" hatte der Wirt heimlich beim Westsender Rias Berlin mitgeschnitten.

Und heute: Seit über sieben Jahren ist Elitz nun Intendant von Deutschlandradio, das als bundesweiter Hörfunksender aus Rias Berlin, Deutschlandfunk Köln und DS Kultur - einst Deutschlandsender der DDR - hervorgegangen ist. Da hat er den Dolmetscher von Deutsch in Deutsch gegeben, um diese drei "Häuser" zu einem gesamtdeutschen Sender zusammenzuführen. Damit sie fortan mit einer Stimme sprachen. Ernst Elitz gehört zu den Vorarbeitern, die mit Hilfe von Rundfunk und Fernsehen die deutsch-deutsche Grenze durchlöcherten. Gegen elektronische Medien halfen weder Mauer noch Stacheldraht. Vier Jahre nach unserer gemeinsamen Fahrt durch den Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße trafen wir uns wieder bei "Kennzeichen D". Wir moderierten im Wechsel das deutsch-deutsche Magazin, dem regelmäßig die halbe DDR - und auch ein paar Millionen in Deutschland-West - zuschauten.

Dann wechselte Elitz von Berlin nach Wiesbaden und wurde einer der Moderatoren des "Heute-Journals". Ein weiterer Schritt auf der Karriereleiter. Bereits 1985 war er Fernsehchefredakteur beim Süddeutschen Rundfunk, wo der eher auf Ausgleich als Angriff setzende Journalist mit der Sendung "Pro und Contra" Ausgewogenheit zum Unterhaltungsfaktor machte. Elitz gab gern den Mediator, nicht den Missionar. In Stuttgart, in Deutsch-Südwest, wählten sie Elitz, den Mann aus Prenzlauer Berg, später nicht zum Intendanten. Das war in der glatten Laufbahn des einstigen "Spiegel"-Redakteurs wohl die einzige Niederlage.

Doch nach der Deutschen Einheit wurde der frühere Rias-Redakteur Intendant, und er machte mit seinen Mitarbeitern aus West und Ost aus dem guten alten Dampfradio eine nationale Institution, in der Nachrichten noch Nachrichten sind und nicht die Selbstverwirklichung von Quasselstrippen über Sensatiönchen aller Art. Seitdem ist er Stationsvorsteher beim Deutschlandfunk in Köln und beim Deutschlandradio Berlin, ein Pendler in Sachen Information und Kultur. Übrigens: Sein Berliner Büro liegt Unter den Linden im Zollernhof, da, wo auch das ZDF sein Hauptstadtstudio hat. Gleich um die Ecke waren das frühere ZDF-Büro in der DDR und die Kellerkneipe, von der aus die Kreuzberger Nächte heutzutage in fünf Minuten zu erreichen sind.

Joachim Jauer ist Chef des ZDF-Landesstudios Berlin. Er war von 1978 bis 1982 ZDF-Korrespondent in der DDR und lange Jahre Leiter von "Kennzeichen D".

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