Medien : Kindesmissbrauch: Gezeichnet fürs Leben

Mechthild Zschau

"Er hat gesiegt. Er kriegt keinen Monat Bau. Und ich hab ihn ein Leben lang am Hals." Jule schaut ganz still in die Kamera. Manchmal hockt sie sich in die Ecke des Zimmers, dann wieder kann sie nicht sitzen bleiben, weil die Unruhe sie hochtreibt. In den Nächten quälen sie Albträume. Jule ist 36 und Frührentnerin. Krankenhausaufenthalte, Psychiatrie, Therapien ohne absehbares Ende - in ihrem Inneren ist etwas zerbrochen, es heilt nicht mehr. Vom siebten bis zwölften Lebensjahr wurde sie von ihrem Adoptivvater missbraucht. Die Tat ist verjährt, die junge Frau "gezeichnet fürs Leben". Ruth Kühn begleitet sie zurück in ihre Vergangenheit. Zurück zum Polizeirevier, auf dem sie als 12-Jährige aussagte und auf Druck der Mutter widerrief. Zurück in die enge Straße, wo Nachbarn alles wussten und schwiegen. Zurück zu Erinnerungen, die ein unbeschwertes, selbstbestimmtes Leben für immer verhindern. Arte zeigt den Themenabend "Wir haben überlebt - Über die Opfer von sexuellem Missbrauch" ab 22 Uhr 30.

Einen langen Themenabend widmet Arte den missbrauchten Kindern. Forian von Stettens kulturhistorischer Streifzug durch die lange Tradition der Kinder-Instrumentalisierung für die Gelüste der Erwachsenen - vom nackten Amor, dem unschuldigen Jesuskindgott, der lockenden Lolita bis hin zu Kinderarbeit und den süßen Werbe-Kids von heute - zeigt ein Stück Kulturgeschichte der gespenstischsten Form. ("Mach mich glücklich - Von der Anziehung der Unschuld", um Mitternacht).

Der lange, nachdenkliche Abend vermeidet jeden schrillen Ton, jedes spektakuläre Bild. Auch nach zehn Jahren öffentlicher Auseinandersetzung mit den Übergriffen in die kindliche Integrität zeigt sich, wie notwendig die Fortsetzung der Debatte ist. "Gewalt gegen Kinder", sagt die soziologische Expertin Ulla Fröhling, "ist wie ein Stein, der ins Wasser geworfen wird. Die Wellen vergehen. Der Stein bleibt." (Gesprächsrunde um 22 Uhr 15, moderiert von Gabriele von Arnim).

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