Kirche auf Facebook : Gott, das Netz und ich

Steif, verstockt und schlecht gegen Empörungsstürme gerüstet: Den Eindruck, den eine katholische Gemeinde in der vergangenen Woche beim zu großen Teilen im Netz ausgetragenen Streit um einen Grabstein hinterließ, lässt exemplarisch an der Social-Media-Kompetenz der Kirchen zweifeln. Unserem Autor Johannes Schneider geht das nahe. Hier erklärt er, warum.

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Ein Grab, über das gestritten wird: Dass eine katholische Gemeinde an diesem Ort nicht die Insignien eines Fußballvereins zulassen wollte, bringt Nutzer bei Facebook und Twitter bis heute auf. Im Hintergrund: der Vater des Jungen, der hier begraben liegt. Foto: dpa
Ein Grab, über das gestritten wird: Dass eine katholische Gemeinde an diesem Ort nicht die Insignien eines Fußballvereins zulassen...Foto: dpa

Man denkt viel nach in dieser Zeit – als Mensch im Netz, der sich aber auch noch anderen guten Mächten verbunden fühlt, die dort keine starke Lobby haben, Gott zum Beispiel. Und zwar jener christliche Gott (unter den vielen), der hierzulande von den Amtskirchen repräsentiert wird. Bei Twitter kommt er immer dann unter die Räder, wenn Piraten und andere gegen so genannte Tanzverbote an Feiertagen protestieren. Dann ist er ein Bremser und Freiheitsberauber. Und nur das.

In den letzten Wochen traf mich die Abwesenheit dieses Gottes in den Social Media besonders hart: Ein Junge, neun Jahre alt, Fan von Borussia Dortmund wie ich, war im Frühjahr an einem Hirntumor gestorben. Nun weigerte sich die Gemeinde, auf deren Friedhof der Junge begraben liegt, seinem Wunsch zu entsprechen: ein Grabstein, gekrönt von einem Fußball, mit BVB-Logo und dem Slogan „Echte Liebe“. Bei Facebook und Twitter entlud sich daraufhin die Wut auf die „herzlose“ Kirche – um nur die harmloseste Beschimpfung zu nennen.

Am vergangenen Dienstag lenkte die Gemeinde schließlich ein. Die Art und Weise macht mich jedoch traurig: Mit einer dürren Mitteilung des Paderborner Generalvikariats tat sie auf ihrer Homepage kund, sich nun mit den Eltern des Jungen geeinigt zu haben. Der Ball wird von der Spitze des Steins an dessen Sockel verbannt, zudem wird „ein christliches Symbol, beispielsweise eine Taube“ vorgeschrieben, auf das sich die „Echte Liebe“ dann ebenso beziehen könne wie auf Ball und BVB. Zu ihren Beweggründen für diesen Kuhhandel sagte die Gemeinde: Es sei ihre Aufgabe, „den christlichen Charakter des katholischen Friedhofs zu erhalten“. Der ursprüngliche Entwurf sei „nicht angemessen“ gewesen. Die Nachrichtenagentur dpa zitierte Kirchensprecher Michael Bodin am Dienstag weiterhin mit den Worten, den "Sturm der Entrüstung" empfinde er "im Nachhinein als etwas ungerechtfertigt". Der Kirchenvorstand habe sich nur an die Friedhofssatzung gehalten. Das alles milderte den Zorn, der sich vor allem bei Facebook Bahn brach, etwas ab. So richtig zum Erliegen kam er angesichts dieser wenig einfühlsamen, eher auf Raison denn auf Glauben bauenden Argumentationen nicht.

Warum so steif? Warum nicht einfach sagen, weshalb man nicht will, dass der Grabstein auf einem Gottesacker mit einem Fußball gekrönt wird? Dass da oben an diesem Ort eben kein Ball steht, sondern wer anders? Dann könnte man immer noch streiten, ob einem Neunjährigen dieser Wille versagt werden sollte. Die vielen, die das offenbar unvermindert umtreibt, hätten aber vielleicht nicht das Gefühl, kalte Sittenwächter vor sich zu haben. Sondern Menschen mit Argumenten. Und Prinzipien.

Und warum die Scheu vor dem Netz? Obwohl der Fall sichtlich bewegte, schaltete sich die Gemeinde zu keiner Zeit – wie auch, ohne eigenen Facebook-Account? – in die Debatte ein. Lediglich die dürre Pressemeldung wurde in den sozialen Netzwerken verbreitet, etwa über die Facebook-Seite von Borussia Dortmund. Grundsätzlich frage ich mich, wo sie sind: die Menschen, die Gottes Wort dorthin tragen wollen, wo ständig Worte gemacht werden. Nicht um zu missionieren, sondern um mitzureden, zu erklären, zu begründen, in diesem Fall vor allem erst einmal: Mitgefühl zu zeigen. Es gibt sie bestimmt. Ich würde ihnen gern öfter begegnen. Da, wo ich bin. Da, wo man nicht nur unter "seinesgleichen" ist. Da, wo es manchmal wehtut.

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