Medien : Klappern gehört zum Fernsehen

Bei der Telemesse zeigen die Noch-Kirch-Sender, was man unter Trotz versteht

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Von Andreas Kötter

Einmal im Jahr legen die TV-Sender ihre Karten auf den Tisch. Auf der Telemesse, der Leistungsshow des Fernsehens, präsentieren dann Pro 7 und Sat1, RTL und Vox, ARD und ZDF ihr künftiges Programm. Wenn man weiß, dass diese Veranstaltung den Sendern ausschließlich dazu dient, ihre Programme an die Werbekunden zu verkaufen, dann ahnt man, dass Fernsehen in erster Linie nicht fürs Publikum vor dem Bildschirm gemacht ist, sondern für die, die in den Werbepausen Babywindeln und Tiefkühlkost, Deospray und Bausparverträge verkaufen wollen.

Nach dem Zusammenbruch des Kirch-Imperiums steht in diesem Jahr dessen Paradestück, die ProSieben- Sat1-Gruppe im Blickpunkt. Die muss sich, wie die anderen 32 vertretenen Sender auch, angesichts der momentanen Ebbe in den Kassen der Werbungtreibenden einerseits besonders ins Zeug legen. Andererseits kostet das Geld, das nicht da ist. Aus Kostengründen haben sich die Sender daher zum Umzug von Düsseldorf ins Kölner Coloneum entschlossen. Beim „Screening“, der Programm- Präsentation, versuchte man sich dann auch an einer Mischung aus sanfter Demut und trotzigem Selbstbewusstsein.

Mit blütenweißem Tuch abgehängt waren die Wände des Vorführraums, über der weißen Bühne schaukelte barfuß und beschwingt eine blonde junge Dame im weißen Kleid, von der man nicht genau sagen konnte, ob sie einen nun eher an Marilyn Monroe oder doch an einen aus der gelben Art geschlagenen Kanarienvogel erinnerte. Dazu umschwirrten junge, hübsche Damen in weißen Hosenanzügen die Gäste und reichten, man ahnt es schon, weiße Tücher zur Erfrischung.

Bei so viel weißem Einheitslook fühlte man sich unweigerlich an eine Sekte erinnert, was sich verstärkte, denn ähnlich einer Sekte will die ProSieben-Gruppe „die Marke sein, die die Menschen bewegt“. Dafür sind nicht zuletzt gute Programme notwendig, die wiederum nur mit dem Geld der Werbekunden zu finanzieren sind. 2003, glauben die Senderchefs, werde Wachstum kommen. Ein Wachstum, das Fernsehvorstand Ludwig Bauer nicht zuletzt mit attraktiven Kino- Highlights wie „Der Patriot“, „Shaft“ oder „A Beautiful Mind“ glaubt ankurbeln zu können.

Wenn es um spektakulär in Szene gesetzte Explosionen und überbordende Rührseligkeit geht, steckt garantiert Sat 1 dahinter, das „große emotionale Unterhaltungsfernsehen“, wie Bauer es nennt. Mit viel Getöse und einem Trailer, der sich nicht entscheiden konnte zwischen pyrotechnischen Meisterleistungen und zuckersüßlichen Emotionen, startete Sat 1 seine Präsentation.

Und dann kam Harald Schmidt. Er demonstrierte seine Solidarität mit den Flutopfern auf die ihm eigene Art: Mit Gummistiefeln und Polo-Hemd begrüßte er sein Publikum und sagte, er wolle ein Zeichen setzen: „Zynisch und menschenverachtend hätte ich es empfunden, hier in Anzug und Krawatte zu erscheinen; deshalb habe ich das ,Peter- Struck-macht-sich-vor-Ort-ein-Bild-von- den-Zuständen’-Outfit gewählt.“ Im Dialog mit Sat-1-Chef Martin Hoffmann präsentierte der Late-Night-Talker das Programm. „Wenn das so weitergeht“, dann „hallo, Marktführer. Und dabei hat es uns die besten Filme noch weggespült“, frotzelte Schmidt.

„Echte Geschichten und echte Typen“, wie bei „Die Anstalt“, Comedy, etwa mit „Hausmeister Krause“-Sprößling Axel Stein, und TV-Events, wie „Das Wunder von Lengede“ stellt Hoffmann in Aussicht. Fünf neue Piloten starteten zudem im Herbst. Eine Zahl, über die sie bei Pro7 nur müde lächelten. Hier denkt man in anderen Dimensionen, das selbst gewählte Motto „Entertainment XXL“ verpflichtet. Die „erste (tägliche) medizinische Beratungsshow“ soll „mit Servicetainment punkten“, sagte Geschäftsführer Nicolas Paalzow. Blockbuster und große Serien, insgesamt 20 Formate kündigte Paalzow für das „amerikanischste“ unter den großen Programmen an. Paalzow will für seine „Marke, die in ihrer Stärke nur von McDonald’s und Coca Cola übertroffen wird, eine Quote von 13 plus erreichen".

Wirkliche Größe bewies da Kabel 1, das kleinste Vollprogramm der Senderfamilie. Den Verantwortlichen gelang es, zumindest den Anschein zu erwecken, dass es ihnen nicht ganz egal ist, was sie verkaufen. „150 beste Filme aller Zeiten“ und eine neue Reihe, „Die Filme der Filmemacher“ kündigte Geschäftsführer Andreas Bartl an, darunter eine Clint-Eastwood-, eine Julia-Roberts- und eine „Winnetou“-Reihe. Mit „K1 Journal“ will man ein tägliches Info-Magazin etablieren, das sich als „seriöse Alternative zu den täglichen Boulevard-Magazinen“ versteht. Und erstmals bekommt der Sender auch eine Talkshow. Die führt bewusst das Wörtchen „Retro“ im Titel und befasst sich damit, was die TV-Helden der 70er und 80er heute so treiben. Zum Beispiel Larry Hagman, der fiese J.R. aus „Dallas“, das wieder komplett in der Primetime zu sehen sein wird. Als kleine Reminiszenz ließ der Sender einen silbernen Mercedes 450 SEL mit dem Kennzeichen Ewing 1 und einer J.R.-Kopie im Fond auf die Bühne rollen. Dachte zumindest das Publikum. Denn plötzlich stand der „echte“ J.R. auf der Bühne. Das wurde dem Anspruch auf „großes Classic-TV“ gerecht. Kabel 1– der Sender des Vertrauens für alle, die den 30. Geburtstag schon hinter sich haben.

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